Montag, 5. März 2012

[Rezension] Jonathan Safran Foer - Alles ist erleuchtet

Alles ist so, wie es ist, weil alles so war, wie es war.

"Wenn wir so nomadisch mit der Wahrheit sind, warum machen wir die Geschichte dann nicht besser als das Leben? Es scheint mir so, dass wir die Geschichte sogar schlechter machen. Wir machen uns so, als ob wir Dummköpfe wären, und wir machen aus unserer Reise, die eine erhebende Reise war, etwas ganz Normales und Zweitklassiges. (...) Ich glaube nicht, dass es irgendwelche Grenzen dafür gibt, wie ausgezeichnet wir das Leben scheinen lassen könnten."

Ein junger Amerikaner reist durch die Ukraine. Lebt sie noch, die Frau, die seinem jüdischen Großvater während der Nazizeit das Leben gerettet hat? In einem klapprigen alten Auto macht er sich auf die Suche nach einer gespenstigen Vergangenheit...

Mit Jonathan Safran Foer scheine ich so meine Probleme zu haben. Vieles, was ich schon in meiner Rezension zu "Extrem laut und unglaublich nah" beschrieben habe, trifft auch auf das Erstlingswerk "Alles ist erleuchtet" zu - einerseits handelt es sich um eine wirklich originelle Geschichte, die mit viel literarischer Finesse erzählt wird, andererseits ist das Buch auch sehr schwergängig und ich musste mich stets ermuntern, es wieder in die Hand zu nehmen... Aber ich fange wohl am besten von vorne an:

"Alles ist erleuchtet" spielt in drei verschiedenen Zeitebenen, die in abwechselnden Kapiteln erzählt werden. Diese Ebenen fließen aber immer wieder ineinander und viele Kapitel versteht man erst so richtig, nachdem ein bestimmtes Ereignis aus einer anderen Zeit heraus beleuchtet wurde. Das Prinzip dieser Struktur fand ich wirklich genial:
Die erste Ebene, mit der das Buch beginnt, ist die Geschichte des jungen Autors Jonathan Safran Foer (ja, richtig gelesen, Herr Foer schreibt hier über sich, wenn auch nicht autobiographisch!), der sich auf den Weg in die Ukraine macht, um die Frau zu finden, die seinem Großvater (und damit indirekt auch ihm) einst das Leben gerettet hat. Also kurz gesagt: vor allem eine Suche nach sich selbst und nach dem Lebenssinn. In der Ukraine trifft Jonathan auf den jungen Alex, der als Dolmetscher für ihn tätig wird, und auf dessen Großvater, einen blinden Fremdenführer - mit ihnen zusammen versucht er, das Rätsel seiner Vergangenheit zu lösen. Diese Kapitel werden alle von Alex erzählt, der mehr schlecht als recht Englisch (bzw. in der Übersetzung dann Deutsch) spricht und schreibt.
Die zweite Ebene ist die Geschichte Trachimbrods, des kleinen Dörfchens in der Ukraine, in dem Jonathans Großvater aufwächst. Beginnend im Jahre 1791 wird hier eine lange Historie aufgerollt, die bis ins Jahre 1941 die verschrobenen Dorfbewohner begleitet. Diese Episoden schreibt Jonathan in seinem Roman nieder, wobei er es mit den historischen Fakten nicht so genau nimmt und viele phantastische Elemente in die Geschichte einbaut, z.B. einen Mann, der mit einem Sägeblatt im Kopf weiterlebt, oder über die Sterne, die entstehen, wenn Menschen Sex haben.
Die dritte Ebene schließlich besteht aus den Briefen von Alex (wieder in gewöhnungsbedürftigem Englisch), die er an Jonathan schreibt: Jonathan nämlich hat ihm nach seinem Aufenthalt in der Ukraine die Kapitel seines Romans (also alles, was wir in der zweiten Ebene zu lesen bekommen) geschickt und Alex kommentiert nun fröhlich drauflos, was er von dem Geschriebenen hält, und erzählt nebenher vom Leben in der Ukraine nach Jonathans Abreise.

Ich hoffe, ich habe euch damit ein bisschen verdeutlichen können, wie das Buch aufgebaut ist. Wenn ihr jetzt trotzdem verwirrt seid, dann entspricht das ungefähr meinem Zustand beim Lesen des Buches :-) Obwohl mir die Erzählstruktur an sich sehr gut gefallen hat, ist es nämlich wirklich nicht ganz einfach, hier überall durchzusteigen, wer nun zu wem gehört, welche Ereignisse sich wie beeinflusst haben und vor allem - was nun am Ende die Lösung des Problems ist. Ich selbst bin immer noch etwas verwirrt und nicht ganz sicher, ob ich "das große Ganze" der Geschichte nun verstanden habe oder nicht...

Das Geschehen in der Gegenwart ist geprägt von vielen sehr komischen Momenten, vor allem dann, wenn die Kulturen des Amerikaners Jonathan und der Ukrainers Alex aufeinanderprallen. Diese Situationskomik war erfrischend zu lesen und ich musste oft schmunzeln über das Unverständnis, das sich die beiden jungen Männer entgegenbringen. Dennoch hatten diese Szenen auch einen bitteren Beigeschmack für mich: Die Gegenwart wird ja komplett aus der Sicht von Alex geschildert, der aber nur mäßig gut Englisch sprechen und schreiben kann (siehe zum Beispiel das Zitat zu Beginn dieser Rezension). Dieses schechte Englisch wirkt zwar teilweise lustig, geht mit der Zeit aber auch auf die Nerven. Zudem ist bei mir noch das Gefühl aufgekommen, dass mit diesem "Dialekt" hier die Ukrainer verdummt und herabgestuft werden. Was diesen Eindruck bestätigt, ist, dass Joanthan von Alex immer "der Held" genannt wird - an diesen Stellen wirkte die Geschichte auf mich, als wenn die guten Amerikaner mal wieder völlig grundlos in den Himmel gelobt werden und ein "gewöhnliches" (dieses Wort benutzt Alex immer wieder) Volk wie die Ukrainer etwas minderbemittelt dargestellt werden soll.

Die Vergangenheit, die komplett von Jonathan beschrieben wird, ist dagegen geprägt von phantastischen Elementen und nimmt teilweise märchenhafte Züge an. Die Charaktere, die sich Foer für das kleine Dörfchen Trachimbrod ausgedacht hat, sind mehr als skurril, aber dennoch liebenswert, so dass es Spaß macht, sie über mehrere Generationen hinweg zu begleiten. Was mir hier nicht besonders gefallen hat, waren aber die vielen Darstellungen von Sex, die teilweise wirklich abnorme Züge angenommen haben: Da befriedigt z. B. ein 10jähriger Junge die Gelüste sämtlicher frustrierter Ehefrauen im Dorf, und nachdem ein Mann im Keller seines Hauses eingesperrt wird, kann er fortan nur noch durch ein Loch in der Wand mit seiner Frau Sex haben... Insgesamt aber habe ich bei den meisten Episoden mitgefiebert, wie es den Ahnen von Jonathan wohl ergehen wird, denn das schreckliche Ende der jüdischen Dorfbewohner war mit dem Voranschreiten der Jahre und der drohenden Zeit der Nationalsozialisten immer mehr in Sicht.

Trotz aller positiven Punkte musste ich mich oft zwingen, das Buch weiterzulesen. Spannung wird durch die umständliche Konstruktion des Romans quasi gar nicht erzeugt und man muss sich viel Zeit für das Buch nehmen, um alle Verwicklungen zu verstehen. Mal eben schnell ein paar Seiten vor dem Schlafengehen zu lesen bietet sich bei diesem Buch definitiv nicht an. Doch abgesehen von all diesen Schwierigkeiten bin ich froh, "Alles ist erleuchtet" gelesen zu haben - denn sonst hätte ich wohl ein originelles Stück Literatur verpasst.

Eine interessante Geschichte mit einer genialen Struktur, viel Sprachwitz und mit phantastischen Ereignissen, an die man sich noch lange erinnern wird - doch vor allem auch ein schwieriges Buch. 5 von 10 Bücherdiebinnen!





Zum Buch gibt es auch einen Film aus dem Jahre 2005 mit Elijah Wood in der Rolle des Jonathan. Hier der Trailer, der euch schonmal einen kleinen Vorgeschmack auf den Film (und vielleicht auch das Buch?) gibt, leider nur auf Englisch:


 

Ich werde mir den Film definitiv noch ansehen - auch, um die Verwirrung über das Buch in meinem Kopf vielleicht etwas zu entwirren. Sobald ich den Film gesehen habe, gibt es natürlich auch ein kleine Kritik dazu.

Kommentare:

  1. Hmmm, klingt ja nicht so gut. Aber irgendwie dann doch wieder ein bisschen lesenswert. Vor allem diese Punkte über die "minderbemittelten" Ukrainer und die tollen Amis machen mich sehr, sehr skeptisch.
    Aber gut, ich hab das Buch eh im Regal stehen, deshalb werd ich es ohnehin lesen :] Danke für die tolle Rezension!

    Liebe Grüße

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    1. Ich war auch unschlüssig, was ich letztendlich von dem Buch halten soll :-) Ich glaube nicht, dass das mit den minderbemittelten Ukrainern so beabsichtigt war, aber irgendwie musste ich auch ständig daran denken, wenn ich von dem "Helden" gelesen habe... Bin gespannt auf deine Meinung, solltest du es lesen!

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  2. Hmm. Auf der einen Seite will ich das Buch nach deiner Rezension unbedingt lesen, andererseits auch nicht ... Ich versuche es erst einmal mit "Extrem laut und unglaublich nah", dass bei mir im Regal steht. Auf jeden Fall eine interessante und gut geschriebene Rezension. :)
    Liebste Grüße!

    killthesilencce.blogspot.com

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    1. Ouh wie peinlich, ich habe ganz die Antwort auf deinen Kommentar vergessen. :'D Zuerst einmal freut es mich, dass dir mein Regal gefällt. :) Was die Eragon-Hörbücher betrifft - ja, die haben wirklich richtig viel gekostet. Über den Preis will ich im Moment gar nicht nachdenken, auch wenn er sich in jedem Fall gelohnt hat. Andreas Fröhlich liest diese tolle Reihe so wunderbar ... Ich empfehle dir, dringend einen der Teile (als Hörbuch, natürlich) irgendwo auszuleihen und zumindest reinzuhören. Was den zweiten Teil als Buch betrifft - die Reihe wird nur besser. ;) Also viel Spaß beim Lesen! :)

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    2. Also "Extrem laut und unglaublich nah" fand ich etwas leichter zugänglich, auch wenn ich ja mit beiden Büchern so meine Probleme hatte... Und wenn du es sowieso schon daheim hast, kannst du es ja mal damit versuchen - vielleicht kommst du auch viel besser mit Herrn Foer zurecht als ich :-)
      Mh, die "Eragon"-Hörbücher haben sie bei uns in der Bücherei, vielleicht höre ich da mal rein. Aber generell sind mir richtige Bücher doch lieber :-)
      Eine Auswertung des Memes folgt übrigens noch, diesmal haben echt viele mitgemacht und ich durfte tolle Regale sehen!

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  3. ich hab das buch auch noch angefangen im regal stehen, aber ich denke, demnächst werde ich es mal zu ende lesen. denn trotz dass es ein bisschen anstrengend ist, finde ich die sprachgewandtheit von foer wirklich toll :)

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    1. Hehe, ich hab auch zwei Anläufe für das Buch gebraucht und es lag eine Weile angelesen bei mir herum :-) Das ganze Konzept und die Sprache des Buches haben mich auch überzeugt, aber es war eben auch ziemlich anstrengend - bin gespannt, was du zu dem Buch sagst, wenn du es durchgelesen hast!

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  4. Ich habe das Buch nicht gelesen, aber den Film gesehen. Ich werde leider nicht schlau aus der Rolle des Großvaters von Alex. Kann mir jemand auf die Sprünge helfen, was es mit ihm und seiner antisemitischen Vergangenheit auf sich hat?

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    1. Mh... antisemitische Vergangenheit? So habe ich das Buch nicht gelesen und auch nicht verstanden. Will dir aber nicht abstreiten, dass der Film da vielleicht einen anderen Fokus legt. Vielleicht kann dir jemand der anderen Kommentatoren helfen? *unschlüssig in die Runde blick*

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  5. Ich habe den Film gesehen und mochte ihn sehr gerne. Das Buch steht schon viel zu lange ungelesen im Regal, aber ich kann mir gut vorstellen, dass es verwirrend und schwierig ist und deshalb habe ich es bisher nicht gelesen. Ich habe schon ein paar mal reingeblättert, aber das schlechte Englisch von Alex hat es mir auch nicht gerade leicht gemacht.

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    1. Der Film macht auch wirklich einen lustigen Eindruck, im Trailer sieht man das ja schon ganz gut. Ich wollte mich vorher unbedingt durch das Buch "kämpfen", aber ich bin schon gespannt auf die filmische Umsetzung!
      Hast du das Buch auf Deutsch oder Englisch? Ich fand die schlechte Grammatik von Alex im Deutschen schon sehr anstrengend zu lesen, aber im Original ist es angeblich noch schwerer zu verstehen (habe ich zumindest in so einigen Rezensionen gelesen). Auf jeden Fall sollte man sich Zeit für das Buch nehmen...

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