Montag, 20. Februar 2012

[Rezension] Patrick Ness & Siobhan Dowd
- Sieben Minuten nach Mitternacht

Du schreibst die Geschichte deines Lebens nicht mit Worten

"Das Monster tauchte kurz nach Mitternacht auf.
Wie Monster das so machen.
Conor war wach, als es kam.
Er hatte einen Albtraum gehabt.
Na gut, nicht irgendeinen. Den Albtraum.
Den einen, den er in letzter Zeit ziemlich oft hatte.
Den mit der Dunkelheit und dem Wind und dem Schrei.
Den mit den Händen, die er irgendwann nicht mehr
festhalten konnte, egal wie sehr er sich bemühte.
Den, der immer damit endete, dass - "

Es ist sieben Minuten nach Mitternacht, als etwas völlig Ungeheuerliches passiert: Wie jede Nacht erwartet Conor eigentlich nur seinen Albtraum wie einen nächtlichen Peiniger, der ihn quält, seit seine Mutter ihre Behandlung begann. Es ist aber etwa anderes, das nun an sein Fenster klopft. Ein ungeheuerliches Wesen, das anscheinend im Garten hinter seinem Haus lebt. Es ist uralt, wild und weise, und es flößt Conor unendliche Angst ein. Doch letztlich ist es der einzige Freund, der dem Jungen in den schwersten Stunden seines jungen Lebens zur Seite steht...

"Sieben Minuten nach Mitternacht" ist eine wunderschöne, tieftraurige und gefühlvoll erzählte Geschichte, die ein sehr sensibles Thema - den Umgang mit dem Tod eines geliebten Menschen - behandelt. Nach dem Lesen hatte ich einen wirklich dicken Kloß im Hals, was bei mir nicht sehr oft vorkommt, und ich musste die Geschichte erstmal eine Weile verdauen, so nah gingen mir Conor und seine todkranke Mutter.

Die komplette Geschichte wird aus der Sicht des dreizehnjährigen Conor erzählt. Mit ihm erlebt man aber nicht nur die fortschreitende Krankheit der Mutter, sondern auch sein ganz alltägliches Leben: In der Schule wird er aufgrund seiner Probleme zuhause von den anderen gemieden oder gemobbt, die Beziehung zu seinem Vater, der die Familie schon vor Jahren verlassen und sich ein neues Leben in Amerika aufgebaut hat, ist geprägt von Enttäuschungen, und das Zusammenleben mit seiner herrischen Großmutter gestaltet sich mehr als schwierig. Doch nicht einmal in seinen Träumen findet Conor Erholung, denn dort besucht ihn Nacht für Nacht das seltsame Monster, das ihm jeglichen Schlaf raubt. - Auf jeder einzelnen Seite von "Sieben Minuten nach Mitternacht" spürt man Conors Verzweiflung und leidet mit ihm in dieser hoffnungslosen Situation.

Bereichert wird die traurige Geschichte durch viele düstere und geheimnisvolle Bilder, die gut die Atmosphäre des Buches wiedergeben. Gerne habe ich mir die Bilder auch länger angesehen, da sie viel Raum für Interpretationen lassen. Manche füllen ganze Doppelseiten und manchmal wird die Schrift von den Zeichnungen regelrecht umrahmt - insgesamt wirkt "Sieben Minuten nach Mitternacht" also sehr liebevoll gestaltet. In einem Trailer zum Buch könnt ihr euch die Illustrationen von Jim Kay (und wie diese lebendig werden) näher ansehen:



Der Schreibstil von Patrick Ness ist sehr gefühlvoll, vermittelt eine durchweg düstere Atmosphäre und wirkt teilweise sogar märchenhaft. Wenn das Monster aus Conors Albträumen ihm schließlich drei verschiedene (ebenfalls sehr hoffnungslose) Märchen erzählt, fügen diese sich daher nahtlos in das Geschehen ein. Sowieso verschwimmen in den Begegnungen mit dem Monster Realität und Traum zusehends, so dass bis zum Ende unklar bleibt, welchen Ursprung diese Träume haben. Doch nicht nur darüber, auch, wie es mit Conor anschließend weitergeht, habe ich mir noch viele Gedanken gemacht. Selbst wenn das Wichtigste im Buch gesagt wird und die Geschichte in sich abgeschlossen ist, kamen mir noch viele Fragen darüber in den Sinn, wie Conors Leben wohl in Zukunft aussehen wird.

Das einzige Manko des Buches ist in meinen Augen, dass es keine richtige Zielgruppe zu geben scheint, für die das Buch gemacht ist. Für Jugendliche im Alter des Protagonisten empfinde ich die Stimmung als viel zu düster und bedrückend, und auch Menschen, die schon ähnliche Erfahrungen mit dem Verlust einer geliebten Person machen mussten, werden wenig tröstende Worte aus der Geschichte ziehen können. Allen, die ein Buch zum Nachdenken über Leben und Tod suchen und die ihren Gefühlen beim Lesen gern freien Lauf lassen, kann ich das Buch aber bedenkenlos empfehlen.

Ein besonderes, wenn auch trauriges Leseerlebenis, das einen nicht so schnell wieder loslässt! 8 von 10 Bücherdiebinnen!

Kommentare:

  1. Neeeiiin! Erst am Wochenende habe ich es geschafft, an diesem Buch vorbeizugehen ohne es gleich kaufen zu wollen, obwohl es auf meiner Wunschliste steht. Aber nach dieser Review bereue ich das schon fast wieder. Wunderschön beschriebend und diese traurige Atmosphäre macht mich sehr neugierig, zumal die Idee ja ursprünglich von Siobhan Dowd ist, nicht wahr? Ihre Ideen haben mich in einem anderen Buch von ihr bereits beeindruckt... Da kann "7 Minuten nach Mitternacht" ja gar nicht schlecht sein :]

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    1. Hui, ich dachte schon, ich wäre die letzte, die das Buch noch nicht gelesen hat *lach* Das musst du wirklich ganz bald nachholen! Ich bin nicht sicher, ob man das Buch wirklich selbst kaufen muss (ich hab es gewonnen und bin sehr glücklich damit!), da ich 17,- Euro schon ziemlich happig finde - aber es ist toll!
      Du hast recht, die Idee des Buches stammt ursprünglich von Siobhan Dowd, das habe ich in meiner Rezi gar nicht mehr erwähnt. Patrick Ness hat es dann nach ihrem Tod für sie geschrieben. Welches Buch von ihr hast du denn schon gelesen? Ich kenne noch "Der Junge, der sich in Luft auflöste", das war auch toll :-)

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    2. Auf Englisch ist das Buch übrigens ein wenig preiswerter und ich finde die Investition lohnt sich, weil die Gestaltung so toll ist, das holt man gerne mal wieder aus dem Regal und blättert darin herum.

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    3. Ja, ich find die Aufmachung des Buchs auch sehr schön, weshalb ich das Geld dafür auch ausgeben würde, denke ich :)

      So hatte ich das auch verstandenn mit Siobhan Dowd. Von ihr habe ich bisher "Ein reiner Schrei" gelesen, ein sehr bedrückendes, trauriges, aber sehr gut geschriebenes Buch, das ich nur empfehlen kann - allerdings sollte man nicht gerade in schlechter Stimmung sein, wenn man es liest, weil es wirklich sehr düster ist.
      "Auf der anderen Seite des Meeres" steht noch ganz oben auf meiner Wunschliste, das hab ich allerdings nch nicht gelesen :/

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    4. "Ein reiner Schrei" hatte ich auch schon mal in der Hand, aber auf mich machte das Buch einen recht deprimierenden Eindruck, also hab ich es erstmal gelassen. "Auf der anderen Seite des Meeres" klingt da schon viel spannender, das werde ich wohl im Auge behalten :-)

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  2. Ich finde ein Buch braucht keine eindeutige Zielgruppe. Wir Menschen sind alle so verschieden und es gibt sowieso keine Zielgruppe, in der jeder einzelnen Person ein Buch liegt/gefällt.
    Ich glaub es gibt durchaus Kinder, die mit dieser Geschichte umgehen können. Ich hätte sie in dem Alter sicher schaurig gefunden, aber trotzdem interessant.
    Für Menschen, die solche Verluste schon selbst erlebt haben, ist ds Buch sicher hart, weil es so nahe geht und so realistisch erzählt, aber manchmal hilft das einem doch auch, davon zu lesen, dass auch andere so etwas durchgemacht und weitergelebt haben.

    Trotz allem: fantastisches Buch, schön, dass es dir gefallen hat :D

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    1. Die Sache mit der Zielgruppe sehe ich ein bisschen anders: Ich glaube, dass fast jedes Buch eine bestimmte Zielgruppe hat (auch wenn es nie allen davon gefallen wird). Natürlich gibt es viele "Quer-Beet-Leser", die für sämtliche Genres offen sind, aber gerade bei Jugendbüchern empfinde ich die Grenzen doch sehr streng. Man sagt ja, dass die Leser meist ca. 2 Jahre jünger als der Protagonist bis etwa gleich alt sind - da Conor in "Sieben Minuten nach Mitternacht" 13 Jahre alt ist, wäre das Buch also für Leser ab etwa 11-13 Jahren. Für dieses Alter empfinde ich es aber entschieden zu düster und hoffnungslos. Viele ältere Leser, die eben nicht so im "Young Adult"-Bereich zuhause sind wie wir, könnten sich auch fragen, warum sie ein Buch lesen sollten, das aus der Sicht eines 13-Jährigen geschrieben ist...
      Ich finde, damit tut man dem Buch unrecht, da es wirklich wunderschön geschrieben ist! Gut, dass es dir auch gefällt :-)

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    2. Ich finde so Lesealter-Einteilungen immer irgendwie doof. Jeder Leser und Mensch ist einfach so individuell. Es gibt 11jährige, die kommen gut mit solchen Büchern klar und welche, die können gar nichts damit anfangen, das kann man nicht so richtig am Alter oder ähnlichem festmachen.
      Ich denke jeder sollte das lesen, was ihn anspricht und nicht was in seine Zielgruppe fällt (natürlich sind Zielgruppen keine strengen Lesevorschriften, ich weiß ;).

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    3. Na klar sind die Einteilungen nach Lesealter doof - jedes Kind und jeder Jugendliche entwickelt sich anders und was der eine toll findet, damit kommt der andere noch gar nicht klar. Dafür gibt es ja genug andere Beispiele in der Literatur, zuletzt erst wieder "Der Märchenerzähler" - das hätte ich auch niemals als Buch ab 14 Jahren verkauft. Sicherlich gibt es 14-Jährige, die da gut genug differenzieren können, und sicherlich gibt es auch 11-Jährige, die mit "Sieben Minuten nach Mitternacht" kein Problem haben. Aber für die breite Leserschaft dieser Altersgruppe finde ich es eben nicht geeignet.
      Übrigens sind Zielgruppen für mich viel mehr als nur die Zuordnung nach Alter, geht es doch eher um Genre, Interessen, Sprachniveau etc. Irgendwie müssen die Verlage ihre Leserschaft ja auch einteilen, damit sie die Bücher entsprechend bewerben können. Ich bin mir sicher, dass wir so schon das eine oder andere Buch, das uns hätte interessieren können, versäumt haben, nur weil die Verlage es einer anderen Gruppe von Lesern präsentiert haben und wir durch das "Beutenetz" gefallen sind - eben weil wir nicht in die "typische" Zielgruppe gehören ;-)

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