Mittwoch, 22. Februar 2012

[Rezension] Julia Karr
- The Sign. Nur zu deiner Sicherheit

Eine Zukunft, in der man mit sechzehn seine Unschuld verliert

"Die Männer, die ich kannte, waren entweder verrückt, so wie Grandpa; oder sie waren irgendwie gruselig und seltsam, wie Sandys Stiefvater; oder aber sie waren miese Betrüger, so wie Ed. Das ist Ginnies verheirateter Freund und zufällig auch der Dad von meiner kleinen Schwester Dee. Ich hatte keinen Schimmer, wie es war, einen Vater zu haben, ob echt oder nicht, da meiner am Tag meiner Geburt gestorben war. Alles, was mir geblieben ist, ist ein altes elektronisches Foto und die Geschichten, die Grandma mir früher immer von ihm erzählt hat."


Nichts fürchtet die in einer nahen Zukunft lebende Nina so sehr wie ihren sechzehnten Geburtstag. Obwohl die meisten Mädchen dieses Datum kaum erwarten können: Sie bekommen ein Tattoo und dürfen nun legal Sex haben. Doch Nina ahnt, dass mehr hinter diesem Tattoo steckt. Als kurz darauf ihre Mutter bei einem brutalen Anschlag ums Leben kommt, erfährt Nina: Ihre Mutter gehörte zum Widerstand – und ihr totgeglaubter Vater ist am Leben, irgendwo im Untergrund. Sie setzt alles daran, ihn zu finden – und gleichzeitig sich und ihre Halbschwester vor dem Zugriff des Regimes zu schützen. Da verliebt sie sich in Sal, einen Widerstandskämpfer. Doch kann sie ihm trauen?

Die Grundidee dieser Dystopie hat mich von Anfang an sehr interessiert: Knapp 150 Jahre in der Zukunft werden Mädchen gebrandmarkt, sobald sie legal Sex haben dürfen - ob sie das wollen oder nicht, steht dabei im Hintergrund. Es liegt auf der Hand, dass in dieser Welt Sex schnell als Ware deklariert wird und wir uns in einer schrecklichen Umgebung befinden, in der alles von den Mächtigen (in diesem Fall den Männern und der männlichen Regierung) bestimmt wird. Stellenweise ist das Buch dabei sehr grausam; die Passagen über die Gewalt gegen Ninas Mutter konnte ich nur schwer lesen und auch das Schicksal einiger "Sex-Teens" hat mich stark berührt. Empfehlen würde ich das Buch daher erst ab etwa 15/16 Jahren.

In dieser Welt wächst Protagonistin Nina auf, die sich so gar nicht auf ihren 16. Geburtstag und damit ihr Tattoo freuen kann. Mit ihren Sorgen konnte ich mich schnell identifizieren, auch wenn ihr Charakter insgesamt etwas blass blieb. Absolut charmant fand ich aber die vielen Nebencharaktere: Ninas Großeltern sind sehr sympathisch, gerade der Großvater kommt sehr schrullig herüber und sorgte bei mir für einige Lacher. Ninas kleine Schwester Dee ist mir in ihrer liebenswürdigen Art sehr schnell ans Herz gewachsen und auch mit Ninas Freunden habe ich mitgefiebert. Anhand der alten Freundin Sandy bekommt man sogar die Sicht eines verrückten "Sex-Teens" dargestellt. Bloß Ed, Ninas Stiefvater und damit (natürlich) einer von den "Bösen", war mir definitiv zu übertrieben dargestellt - er handelt wirklich nur aus niederen Beweggründen und war ein extrem eindimensionaler Charakter. Aus ihm hätte man sicher mehr herausholen können.

Die Liebe zu Sal wird in diesem ganzen Trubel sehr behutsam erzählt. Nina ist zunächst so manipuliert von den vielen Geschichten rund um die "Sex-Teens", dass sie sich überhaupt nicht vorstellen kann, dass es Sex nicht nur aus Machtgründen, sondern auch aus Liebe geben kann. So verändert sich ihr Bild von der Beziehung zwischen Mann und Frau nur ganz langsam im Laufe des Buches - doch das ist genau das richtige Tempo für diese Dystopie! Ninas zunehmende Verliebtheit und die wachsenden Schmetterlinge in ihrem Bauch werden so glaubhaft herübergebracht, dass man gerne mitverfolgt, wie sich Nina und Sal umschwärmen.

Die elektronischen Neuerungen dieser Welt wurden dagegen leider nur unzureichend erklärt. Immerhin befinden wir uns im Jahre 2150 und die Technik ist weit fortgeschritten, doch was genau ich mir zum Beispiel unter einem "PAV" - einer Art elektronischem Sender, mit dem man telefonieren, Bilder verschicken und Daten speichern kann (also doch eher ein veraltetes Handy?) - vorstellen soll, wurde mir bis zum Ende des Buches nicht ganz klar.

Das Rätsel um Ninas Vater war sehr spannend dargestellt, nur häppchenweise bekam man weitere Informationen über ihn. Allerdings wollte ich hier Nina auch manchmal in den Hintern treten, weil sie einfach nicht aus den Puschen kommt: Da besitzt sie ein Buch, in dem sie versteckte Informationen über ihren Vater vermutet, und hat nie Zeit, es sich genauer anzusehen... Ich an ihrer Stelle hätte es doch vor Neugier kaum noch ausgehalten und wäre mitten in der Nacht aufgestanden, um darin unbemerkt blättern zu können - diese Lethargie, die auch noch in anderen Punkten zum Tragen kommt, habe ich nicht verstanden. Gegen Ende des Buches hat die Autorin meiner Meinung nach dann etwas zu künstlich versucht, mehr Spannung zu konstruieren. So wurden einige dramatische Ereignisse, die für Nina sicherlich viel wichtiger gewesen wären, einfach so abgehakt, während sich die Lage auf einen typischen "Endkampf" zuspitzte - dieser hätte so aber gar nicht sein müssen, besitzt die Geschichte an sich doch eigentlich genug Potential.

Ich bin gespannt, was Julia Karr für die kommenden Teile der Trilogie "The Sign" noch bereithält, und freue mich auf ein Wiedersehen mit Nina, Dee, Sal und Co. in ihrem Kampf gegen dieses schreckliche System! Auf Englisch ist der nächste Teil "Truth" übrigens gerade erschienen - die deutschen Leser müssen sich allerdings noch etwas gedulden...

Interessanter Auftakt einer Reihe, die noch viel Potential birgt - die paar kleinen Makel kann man dabei leicht verschmerzen. 7 von 10 Bücherdiebinnen!

Kommentare:

  1. Irgendwie hört sich das ja alles nicht so schlecht an, aber aus unerfindlichen Gründen reizt mich dieses Buch trotzdem nicht. Bis auf die sehr düstere Stimmung, die du beschreibst, hört sich das Buch nämlich irgendwie nach einer typischen Dystopie an. Hm... Vielleicht gibt's das ja irgendwann in der Bibliothek...
    Trotzdem danke für diese schöne Rezension :)

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    1. Die Bibliothek ist doch immer wieder eine gute Alternative, wenn man sich bei Büchern unsicher ist :-) Vielleicht lohnt es sich auch erstmal abzuwarten wie die Rezensionen zu den Folgebänden ausfallen... soll ja durchaus vorkommen, dass Trilogien ab dem zweiten Teil deutlich nachlassen ;-)
      Ich glaube, "The Sign" hat noch einiges Potential, ich bin gespannt, was Julia Karr da noch rausholt!

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  2. Das Buch hat mich schon immer sehr angesprochen, aber nach vielen negativ-Rezis, ließ mein Interesse nach. Ich glaube, ich sollte es doch einmal versuchen. Gut geschriebene Rezension.

    Liebe Grüße, Diti

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    1. Oh ja, das Problem hatte ich auch. Das Buch ist schon Anfang Dezember bei mir eingezogen, da hatte ich aber noch "Delirium" hier liegen und wollte nicht direkt eine weitere Dystopie anschließen. Tja, und dann kamen die ersten Negativ-Rezis... und ich wurde immer unmotivierter, das Buch noch in die Hand zu nehmen. Jetzt bin ich aber sehr froh, dass ich es endlich doch gelesen habe <3
      Also versuchs doch einfach mal mit dem Buch, oder, wie ich captian cow schon geraten habe, warte noch ein bisschen ab, wie die Meinung über die Folgebände ausfällt - dann kannst du immer noch entscheiden, ob du die Reihe lesen magst.

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  3. Seit 4 Tagen steht es jetzt in meinem Regal und ich bin schon sehr gespannt darauf, wird wahrscheinlich als nächstes Verschlungen, wenn mir nicht ein anderes Buch dazwischen kommt.xD

    Liebe Grüße
    Lisa

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    1. Na dann wünsche ich dir viel Spaß mit deinem Neuzugang! Bin auf deine Meinung gespannt!

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  4. An sich klingt das ja nicht uninteressant - im Großen und Ganzen wirkt es für mich aber doch etwas zu klischeehaft. :/ Vielleicht leih' ich es mir einmal aus, wenn ich Zeit und Lust habe ... Eine tolle Rezension! :)
    Liebste Grüße!

    killthesilencce.blogspot.com

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    1. "The Sign" ist sicherlich kein Must-Read. Julia Karr erfindet die Dystopie auch nicht neu und gerade der Stiefvater wurde wirklich klischeehaft dargestellt... trotzdem hab ich mich gut unterhalten gefühlt von dem Buch - ein typisches 7-Bücherdiebinnen-Buch ;-) Vielleicht entdeckst du es ja mal in der Bücherei!

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  5. Das mit den nicht erklärten Abkürzungen fand ich anfangs auch doof, aber irgendwann im Buch werden sie schon erklärte. Ein PAV ist ein Personal Audio/Video Chip und wohl sowas wie ein Smartphone heutzutage :)

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    1. Ja, ich konnte mir schon was unter einem PAV vorstellen, so ist ja nicht ;-) Aber wie sieht das Ding aus? Was kann es noch alles? Hat jeder Bewohner so ein Ding oder ist das eine Art Satussymbol? Das hätte ich alles gern genauer gewusst...

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