Sonntag, 5. Februar 2012

[Rezension] Jonathan Safran Foer
- Extrem laut und unglaublich nah

Der Schlüssel passte nirgendwo 

"Ein tolles Spiel, das ich mit Dad an manchen Sonntagen spielte, war die Aufklärungs-Expedition. [...] Für unsere letzte Expedition, die wir nicht mehr zu Ende führen konnten, gab er mir eine Karte vom Central Park. Ich sagte: "Und?" Und er sagte: "Und was?" Ich sagte: "Bekomme ich denn keine Hinweise?" Er sagte: "Wo steht geschrieben, dass man immer Hinweise bekommen muss?" "Es gibt immer Hinweise." "Für sich genommen, besagen Hinweise gar nichts." "Gar keine Hinweise?" Er sagte: "Außer, dass fehlende Hinweise auch schon ein Hinweis sein könnten." "Kein Hinweis soll ein Hinweis sein?" Er zuckte mit den Schultern, als hätte er keine Ahnung, was ich meinte. Das fand ich super."

Oskar Blum ist altklug und naseweis, hochbegabt und phantasievoll. Eine kleine Nervensäge, die schon mit neun Jahren eine Visitenkarte vorweist, auf der sie sich als Erfinder, Schmuckdesigner und Tamburinspieler ausweist. Vor allem aber ist Oskar todtraurig und tief verstört. Auch noch zwei Jahre nachdem sein Vater beim Angriff auf das World Trade Center ums Leben kam. Nun will er herausfinden, warum Thomas Schell, der ein Juweliergeschäft hatte, sich ausgerechnet an diesem Tag dort aufhielt. Mit seinem Tamburin zieht Oskar durch New York und gerät in aberwitzige Abenteuer.

"Extrem laut und unglaublich nah" ist - man kann es nicht anders sagen - ein besonderes Buch. Trotzdem habe ich mich mit der Geschichte rund um Oskar, seinen Vater und den 11. September etwas schwer getan.

Der Stil, in dem das Buch geschrieben ist, ist wirklich unverwechselbar. Der Lauf der Geschichte wird immer wieder unterbrochen von Fotos, Grafiken, Seiten, auf denen nur einzelne Sätze stehen, Briefen, kleinen Randbemerkungen oder ähnlichem. Ich liebe es, wenn Bücher so "anders" sind, wenn an Stellen der Erzählfluss gestoppt wird und der Leser plötzlich zum Nachdenken gezwungen wird - und Jonathan Safran Foer hat dies in seinem Buch wirklich wunderbar umgesetzt!

Mit der Geschichte an sich hatte ich allerdings so meine Probleme. Auf den ersten 80 Seiten habe ich sogar mehrmals überlegt, das Buch abzubrechen, da ich mit den Charakteren einfach nicht warm wurde. Oskar ist ein eigenbrötlerisches Kind, das eine sehr spezielle Sicht auf die Welt hat, mit der ich mich einfach nicht anfreunden konnte. Mit seinem nervigen Tamburin hat er mich auf unangenehme Weise an den nicht weniger nervigen Oskar Matzerath mit seiner "Blechtrommel" erinnert. (dass diese Parallele sogar beabsichtigt war, habe ich erst später festgestellt - doch finde ich nicht, dass sie das Leseerlebnis von "Extrem laut und unglaublich nah" irgendwie literarischer oder anspruchsvoller macht...) Natürlich wurde Oskar von einem tragischen Schicksal ereilt, was nicht leicht für einen Neunjährigen zu verkraften sein dürfte, doch trotzdem konnte ich nie so recht Mitleid mit diesem schwierigen Charakter empfinden. Seine Mutter, die versuchen will, wieder ein normales Leben mit ihm zu führen, stößt er aus unerfindlichen Gründen ständig vor den Kopf, während er seinen toten Vater vergöttert und nun einer Vision von ihm nacheilt: Indem er das passende Schloss zu einem Schlüssel finden möchte, der einst seinem Vater gehörte und den er zufällig gefunden hat, will er versuchen, dem Toten wieder nahe zu sein.

Auf dieser "Reise" begleitet der Leser Oskar nun und lernt mit ihm viele verschiedene Menschen und Schicksale kennen, was für mich einen großen Reiz an der Geschichte ausgemacht hat. Oskar trifft während seines "Abenteuers" auf sehr skurrile Menschen, auf liebevolle Menschen, auf traurige Menschen und auf abweisende Menschen - Jonathan Safran Foer beweist hier großen Einfallsreichtum, in dem er immer neue Charaktere zeigt, die teils charmant, teils komisch und teils tragisch daherkommen. Oskar aber lässt, egal, was er erlebt, nicht locker und hat so immer ein Ziel vor Augen, dass ihm helfen kann, mit seinem eigenen Schicksal besser umzugehen.

Unterbrochen wird die Geschichte rund um Oskar immer wieder von sehr bewegenden Briefen seiner Großeltern, die einst aus dem 2. Weltkrieg von Dresden nach Amerika flüchteten. Zunächst fragt man sich, warum diese Geschichte überhaupt erzählt wird, doch nach und nach laufen die beiden Erzählstränge zusammen und geben noch mehr Hintergrundinformationen zu Oskars Schicksal. - Allerdings muss man bei dem ständigen Wechsel der Erzählebene auch gut am Ball bleiben, um den Verwicklungen, die sich nach und nach daraus ergeben, zu folgen. Am Schluss, in der Gegenwart angekommen, lösen sich aber alle Ungereimtheiten auf und ergeben eine schlüssige Familiengeschichte.

Der Anschlag vom 11. September auf das World Trade Center spielt im Buch nur eine untergeordnete Rolle. Vielmehr geht es darum zu zeigen, wie man mit so einer Extremsituation umgeht, in die die Angehörigen plötzlich - ohne Abschied von den Verstorbenen - hineingeworfen werden. Meiner Meinung nach hätte Foer hier auch jeden anderen Anschlag thematisieren können, was er mit den Referenzen auf den Dresdner Bombenanschlag von 1945 oder auf Hiroshima deutlich macht. "Wie kann man mit der Trauer umgehen?" und "Gibt es einen Sinn, weiterzuleben?" sind daher nur einige Fragen, die "Extrem laut und unglaublich nah" beim Lesen zu beantworten versucht.

Ein besonderes Buch, das gleich mehrere lesenswerte Geschichten erzählt, zu dem man aber erst einmal seinen Zugang finden muss. 6 von 10 Bücherdiebinnen!




Die Verfilmung von "Extrem laut und unglaublich nah" kommt am 16. Februar in die deutschen Kinos, mit Tom Hanks und Sandra Bullock in den Rollen von Oskars Eltern. Noch kann ich mir nicht vorstellen, wie sich das Buch überhaupt verfilmen lässt, und die beiden Stars scheinen auch nicht ganz zu ihren Rollen zu passen, aber ich bin gespannt, wie es letztendlich auf der Leinwand umgesetzt wird. Hier der Trailer:

Kommentare:

  1. Eine schöne Rezi! :) Ich habe von Foer bisher nur das Buch "Alles ist erleuchtet" gelesen und hatte ähnliche Schwierigkeiten beim Lesen wie du mit diesem hier. Ich glaube, das ist völlig normal und auch so beabsichtigt ;)
    Jedenfalls werde ich mir dieses Buch hier unbedingt noch vor Filmstart ausleihen und durchlesen (sonst kann man ja nicht mitreden^^)
    Liebe Grüße

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    1. Dankeschön :-) Ja, bei "Alles ist erleuchtet" bin ich momentan im zweiten Anlauf, weil ich mit dem Erzählstil so gar nicht klargekommen bin. Jetzt lese ich es "nebenbei" und lasse mir Zeit mit dem Buch - "Extrem laut..." konnte mich ja doch irgendwann fesseln. Und die Filme (zu beiden Büchern) sind natürlich Pflichtprogramm :-)

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  2. Eine wirklich schöne Rezension. Ich war ja auch schon gespannt darauf, was du zu dem Buch zu sagen hast, weil ich bisher fast nur Gutes darüber gehört habe. Auch deine Rezension klingt ja recht gut, abgesehen von den paar Schwierigkeiten.
    Es steht schon ganz oben auf meiner Wunschliste und ich hoffe, es bald lesen zu können. Der Film reizt mich irgendwie nicht, weil ich die Schauspieler nicht mag. Nun ja. Vielleicht gibt es hier ja mal eine Filmkritik dazu zu lesen? :D

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    1. Dankeschön :-) Ein paar Schwierigkeiten hatte ich wirklich mit dem Buch, aber letztendlich haben wir unseren Frieden geschlossen und es hat mir doch ganz gut gefallen :-)
      Ich glaube ja, dass Tom Hanks und Sandra Bullock gar nicht so viel in dem Film auftauchen, sondern nur ihre Namen dafür hergegeben haben... hey, der Vater ist eh schon tot und die Mutter kommt eigentlich nur ab und zu am Rande vor - also vielleicht stören dich die beiden gar nicht so sehr ;-) Ich werd mir den Film definitiv angucken, wenn ich es schaffe auch gerne direkt im Kino. Und dann gibt es natürlich auch eine kleine Filmkritik - bloß brauche ich für die meist noch länger als für meine Buchrezensionen... *dumdidum*

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  3. Sehr schöne Rezension. Auf den Film bin ich auch schon total gespannt!

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  4. Eine sehr schöne Rezension. :) "Extrem laut und undglaublich nah" steht schon lange auf meiner Wunschliste. Du machst mir gerade noch viel mehr Lust, es endlich - vor dem Kino-Release - zu lesen. :) Wenn du dir den Film anschaust fände ich einen Vergleich bzw. eine Filmkritik toll, sowas hast du ja früher manchmal gemacht. :)
    Liebste Grüße!

    killthesilencce.blogspot.com

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    1. Dankeschön :-) Ich dachte auch, ich müsste mich langsam mal sputen, damit ich das Buch noch vor dem Filmstart gelesen bekomme... Aber zwei Wochen hast du noch ;-)
      Einen Vergleich von Buch und Film schreibe ich natürlich wieder (auch wenn ich mich damit meist noch schwer tue...) - aber mal sehen, wann ich es überhaupt in den Film schaffe :-)

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  5. Sehr gute Rezension.
    Ich habe das Buch vor ein zwei Jahren in Englisch gelesen und fand es da schon schwierig, wobei ich eher dachte, es läge an der Sprache. Aber wenn du dich auch in Deutsch schwer getan hast, dann lag es wohl nicht (nur) an mir. Auf den Film bin ich auch sehr gespannt.
    Liebe Grüße

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    1. Dankesehr :-) Das Problem kenne ich - ich habe mich auch schon mit dem einen oder anderen englischen Buch schwer getan, nur um später zu erfahren, dass der Schreibstil im Deutschen ebenfalls sehr gewöhnungsbedürftig ist. Also keine Sorge, Herr Foer schreibt einfach so :-)
      Mal schauen, wie das im Film so umgesetzt wird - ich bin mit dir gespannt!

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  6. Ah ein tolles Buch - vor Jahren habe ich es gelesen und mich sofort darin verloren und verliebt!
    Nur wusste ich gar nicht, dass es dazu einen Film gibt! Sachen gibts - danke für die Aufklärung.. denn dann wird es bal mal bei uns angeguckt werden :)

    LG Jimmy

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  7. Noch etwas anderes:
    Deine Bücherliebhaber-Seite gefällt mir sehr ... möchte eventuell so etwas ähnliches einrichten, wobei ich ohnehin schon alle Bücher über Bücher auch als solche auf meinem Block amrkiere und auch immer auf der Suche bin nach weiteren Büchern aus der Sparte ..
    vielleicht kann ich dir ja helfen, neue zu finden .. melde dich, wenn dich das interessiert - denn meine Sammelleidenschaft bezieht sich ganz beasonders auf Bücher-über-Bücher :)

    Viel Spaß noch

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    1. Hallo Jimmy, erst einmal ein herzliches Willkommen als 200. Leserin auf meinem Blog! Der Film zu "Extrem laut und unglaublich nah" startet am kommenden Donnerstag in den Kinos - ich bin schon sehr gespannt, wie das Buch umgesetzt wurde!
      Schön, dass du auch so eine Buchliebhaberin bist, da wäre unsere Buchliebhaber-Challenge (http://diebuecherdiebin.blogspot.com/2011/10/die-buchliebhaber-challenge-mit.html) ja genau das richtige für dich gewesen :-) Ist jetzt leider schon etwas spät dafür. Ich stöbere sehr gerne mal genauer bei dir, welche Bücher-über-Bücher du so vorgestellt hast, den einen oder anderen Tipp findet man ja immer, auch wenn ich inzwischen schon sehr viel aus dem Bereich gelesen habe. Vielleicht magst auch du ja auch mal wieder bei mir oder den anderen Challenge-Teilnehmern stöbern kommen - ich würde mich freuen! Deine Bücherdiebin

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  8. Wie du schon sagst: Man muss glaube ich erst einmal seinen Zugang zum Buch finden. Ich selbst habe es damals in einer Leserunde gelesen bzw. habe ich es irgendwann abgebrochen. Ich bin mir aber sicher, dass ich mir das Buch irgendwann noch einmal vornehme - deine Rezension bestätigt mich in diesem Vorhaben. Ob ich den Film schaue oder nicht, weiß ich ehrlich gesagt nicht wirklich. Wahrscheinlich lese ich erstmal das Buch und schaue ihn dann.

    Liebe Grüße aus dem Nirgendwo!

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    1. Mit Herrn Foer ist es wirklich nicht so einfach... Ich kann dich sehr gut verstehen, dass du "Extrem laut..." erstmal abgebrochen hast, wäre mir ja fast genauso gegangen. Jetzt gerade lese ich (immer mal wieder) "Alles ist erleuchtet" und tue mich auch damit schwer, obwohl ich die Geschichte bisher eigentlich gut finde :-/ Total viele Leser loben Jonathan Safran Foer ja in den Himmel, die Begeisterung konnte ich bisher nicht nachvollziehen... Aber ich bin auf den Film von "Extrem laut" gespannt, da ich mir gar nicht vorstellen kann, wie man dieses Buch auf der Leinwand umsetzt.

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  9. Ich finde es immer wieder unglaublich interessant, wie unterschiedlich Menschen Bücher wahrnehmen können. Ich brauchte bei diesem Werk nur eine Seite und wusste, dass ich damit nicht mehr aufhören könnte. So hatte ich es dann auch am nächsten Tag durch und war einfach nur begeistert. Schade, dass du nach der Lektüre nicht genauso glücklich warst wie ich, aber es wäre ja auch ein Wunder, wenn Herr Foer ein Buch schreiben würde, was jedem gefällt.

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    1. Hallo Cherry, ich habe gerade nochmal deine wunderbare Rezension dazu durchgelesen und kann auch deine Begeisterung in allen Punkten verstehen - ich bin ja auch nach wie vor der Meinung, dass "Extrem laut" ein ganz besonderes Buch ist. Trotzdem musste ich mich teilweise wirklich zum Lesen aufraffen und habe insgesamt zwei Wochen für die knapp 500 Seiten gebraucht :-/ Ähnlich geht es mir jetzt schon wieder mit "Alles ist erleuchtet", vielleicht soll es einfach nicht sein mit Herrn Foer und mir...

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  10. Danke für deine Antwort Bücherdiebin,
    ich hatte die Bücherliebhaber-Challenge auch schon mit traurigem Blick entdeckt, da sie ja bereits vorüber war. Aber ich werde am Ball bleiben ;)

    "Alles ist erleuchtet" besitze ich auch .. angefangen aber abgebrochen und nie mehr Lust verspürt, es weiter zu lesen .. mir fehlte die Nähe zum Leser, wie ich sie bei "Extrem laut und unglaublich nah" gemeint hatte zu spüren . schade

    Gruß Jimmy

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    1. Hallo Jimmy, ein bisschen läuft die Challenge noch (bis Ende März), aber in diesen 6 Wochen 3 Buchliebhaber-Bücher zu lesen wird wohl doch eng :-/ Vielleicht hast du ja Lust, an einem der letzten beiden Memes teilzunehmen? (morgen gibt es das nächste auf meinem Blog)

      "Alles ist erleuchtet" ist wirklich keine einfache Kost, durch den ständigen Wechsel der Erzählperspetive fällt es mir auch schwer, mit den Charakteren mitzufühlen. Vielleicht gefällt dir ja die Verfilmung mit Elijah Wood - die werde ich mir auf jeden Fall noch ansehen :-)

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