Mittwoch, 4. Januar 2012

[Rezension] Sarah Kuttner - Wachstumsschmerz

Wann ist denn nur alles so kompliziert geworden?

Was ich sagen will, ist: Wenn da draußen die ganzen Möglichkeiten nahezu provokativ vor der Tür rumstehen, hat man nicht das Recht, sie zu ignorieren? Sie einfach da stehen zu lassen? Oder ist es unhöflich und unverschämt einer Welt gegenüber, die sich so viel Mühe gegeben hat mit den vielen bunten Varianten, keine davon zu nutzen?


Luise und Flo sind ein Paar und beschließen, endlich erwachsen zu werden. Sie suchen eine Wohnung, ziehen zusammen, schaffen sich ein gemeinsames Bett an und tanzen zu Manfred Krug durch ihre neuen Zimmer. Doch nach kurzer Zeit stehen sie im Flur nebeneinander wie zwei an der Raststätte vergessene Kinder. Luise hat das Gefühl, nur Erwachsen zu spielen. Irgendwie ist dieses Leben falsch. Als ob jemand plötzlich alles verwandelt hätte, die Regeln geändert für das Leben, ab dreißig oder so. Quarterlife crisis: Darf man die zahllosen Möglichkeiten des Lebens einfach ignorieren und wie ungebetene Gäste vor der Tür stehen lassen? Wie kann man der Liebe vertrauen, wenn man nicht mal sich selbst vertraut? Wie konnte die Zeit nur so schnell vergehen? Und was fangen wir mit den nächsten zwei Dritteln des Lebens an?

Mit "Wachstumsschmerz", ihrem zweiten Buch nach "Mängelexemplar", beschreibt Sarah Kuttner das Dilemma einer Generation (meiner Generation!), der es eigentlich an nichts fehlt, die sogar unbegrenzte Wahlmöglichkeiten hat - die aber mit dieser Freiheit auch überfordert ist und sich schlicht etwas mehr Orientierung im Leben wünscht. In vielen Situationen im Leben von Luise und Flo konnte ich mich sehr gut wiedererkennen; die Unsicherheit der beiden - über allem kreist die ständige Frage: "Muss ich alles wollen, bloß weil ich es kann?" - war mir zugleich sympathisch und vertraut. Fast ist man beim Lesen von "Wachstumsschmerz" erleichtert, dass man gar nicht allein mit diesem Problem dasteht - und dass Sarah Kuttner es nun endlich einmal so eindeutig formuliert hat. Großartig zum Beispiel, wie die Autorin das Verhältnis zwischen "uns" und den "älteren Generationen" in einem Absatz zugleich humorvoll und prägnant beschreibt:
"Andererseits ist es dieser Tage wirklich schwer, noch gegen einen Strom zu schwimmen, wenn doch in alle Richtungen geströmt wird. Man kann ja gar nicht mehr gegen das Establishment sein, wenn besetzte Häuser als nonchalant gelten, die eigenen Eltern sich bei uns Gras ausleihen, um abends bei einem Weinchen mit Freunden zu kiffen, Nena penetrant Chucks und Charlotte Roche Schluppenbluse und Gretchenfrisur trägt. In welche Richtung soll man sich denn noch wenden, um anders zu sein?"
Bloß ein Problem konnte ich nicht so ganz nachvollziehen: Luise und Flo haben eine fast panische Angst vor dem nächsten Schritt ihrer Beziehung - dem Zusammenziehen. Zwar kann ich schon die Ängste verstehen, die mit dem Teilen einer gemeinsamen Wohnung einhergehen, doch übertreibt gerade Luise in diesem Punkt meiner Meinung nach viel zu sehr, so dass ich gegen Ende des Buches sogar etwas genervt davon war. Vielleicht bin ich mit meinen 26 Jahren noch zwei, drei Jahre zu jung, um diese ganz "Torschlusspanik" zu verstehen, die in "Wachstumsschmerz" thematisiert wird, doch aus eigener Erfahrung kann ich zumindest dieses Problem nicht nachvollziehen und verstehe auch nicht, warum gerade dieser Schritt so hochstilisiert wird.

Entschädigt haben mich dafür aber die vielen anderen klugen Gedanken im Buch, zum Beispiel zum Thema "Kinderkriegen", über das ich mir selbst gern schonmal den Kopf zerbreche. Folgende Passage ist wieder so treffend formuliert, dass ich sie direkt unterschreiben könnte:
"Ich möchte keine Kinder. Nicht jetzt. Keinesfalls. Die Frage ist aber: Wie lange kann ich noch warten? Ist es wirklich schlau, erst dann ein Kind zu bekommen, wenn man nichts auf der Welt dringender möchte? Und wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass dieser Zeitpunkt irgendwann kommt? Ist es nicht vernünftiger, meine immer weniger werdenden Jahre zu nutzen und einfach demnächst ein Kind zu machen und zu hoffen, dass man es schon irgendwie gut leiden kann, wenn es erst mal da ist? Ich kenne nur wenige Menschen in meinem Alter, deren Kinder Wunschkinder sind. Aber geliebt werden sie alle wie Sau. Ist das nicht besser, als mit fünfundvierzig Jahren endlich dringend Nachwuchs zu wollen und dann nicht mehr zu können?"
Natürlich besteht das Buch nicht nur aus diesen Weisheiten, sondern erzählt ganz nebenbei die sehr einfühlsame Geschichte zwei junger Leute, die ihren Lebenssinn noch nicht gefunden haben. Sehr interessant wird das Buch dabei durch die sogenannten "Memos", die sich immer wieder zwischen den einzelnen Kapiteln finden. In diesen treffen wir Luise ein paar Monate nach Beginn der Handlung wieder, traurig und verlassen sitzt sie nun in der neuen (eigentlich doch gemeinsamen) Wohnung. Unweigerlich fragt man sich natürlich, wie es zu dieser Situation kommen konnte, sind Luise und Flo doch - trotz aller Unsicherheiten - zu Beginn der Geschichte ein glückliches Pärchen. Diese Memos sorgten für die leisen Töne im Buch, ließen mich oft nachdenklich zurück und trugen natürlich gleichzeitig zu der Spannung bei, ob es für die beiden noch ein glückliches Ende geben kann. 

Doch auch der Humor kommt im Buch nicht zu kurz. Sarah Kuttner schreibt wie sie spricht: geradeheraus, schnörkellos, manchmal in Umgangssprache, manchmal mit Schimpfworten. Literarisch anspruchsvoll ist das nicht, doch es gibt einem beim Lesen das sehr authentische Gefühl, dass man dies alles doch selbst schon so erlebt hat. Die Sprache lässt sich flott lesen und vermittelt einem den Eindruck, Sarah Kuttner persönlich würde neben einem sitzen und die Geschichte erzählen. 
Etwas vermisst habe ich allerdings die kuttnertypischen Wortspiele und Wortneukreationen, die mir in den früheren Kolumnen und auch in "Mängelexemplar" so gefallen haben. Man kann Sarah Kuttner noch immer auf jeder Seite fühlen, was für sich genommen schon eine große Leistung der Autorin ist, doch an die früheren Werke kommt "Wachstumsschmerz" damit nicht heran. Aber vielleicht merkt man daran bloß, dass auch Sarah Kuttner ein bisschen erwachsener geworden ist. 

Ein persönliches Buch mit sehr authentischen Charakteren, das das Lebensgefühl der "um die 30-Jährigen" humorvoll und nachdenklich auf den Punkt bringt. 
8 von 10 Bücherdiebinnen!


Kommentare:

  1. Wow, was für eine Rezension. Richtig schön. Und die Überzeugt mich auch fast, bald mal nach diesem Buch zu greifen. Kaufen werd ich es vielleicht nicht unbedingt, aber ausleihen geht ja auch immer gut. Skeptisch bin ich nur ein bisschen, weil ich "Mängelexemplar" nicht soo super fand. Was aber, denke ich, daran lag, dass ich mit den Gedanken in diesem Buch einfach noch nichts anfangen konnte, weil ich sie noch nicht hatte oder habe. Ich denke, da könnte auch "Wachstumsschmerz" problematisch werden, deshalb warte ich vielleicht doch noch ein bisschen.

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  2. Das Buch hatte ich heute in der Hand und habe es weggelegt, weil ich mir nicht vorstellen konnte, dass es gut sein kein - vielleicht sollte ich das aber jetzt noch einmal überdenken! :) Eine schöne Rezension. :)
    Liebste Grüße!

    killthesilencce.blogspot.com

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  3. Eine sehr schöne und gelungene Rezension. Vielleicht lese ich Sarah Kuttners zweites Buch auch mal. Finde das Thema in "Wachstumsschmerz" sehr interessant.

    Liebe Grüße, Diti

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  4. @captian: Vielen Dank *rotwerd* Ich hoffe ja, dass niemand die Gedanken aus "Mängelexemplar" schon mal hatte - doch das hat mich beim Lesen und beim Verstehen der Protagonistin überhaupt nicht gestört. Bei "Wachstumsschmerz" finde ich es schon wichtiger, dass man selbst ungefähr in der gleichen Situation ist bzw. war, aber da kann ich mich auch irren. Vielleicht magst du ja mal in der Buchhandlung reinlesen, ob es was für dich ist?!

    @Faith: Dankeschön :-) Aber wieso kannst du dir nicht vorstellen, dass es gut sein kann? Ich weiß ja nicht, wie alt du bist und ob du dich in dem Buch wiederfinden würdest, aber für ich finde, Sarah Kuttner hat da eine ganze Menge Wahrheit zusammengeschrieben.

    @Diti: Dann nichts wie ab in den Buchladen! Ich hab zwar gesehen, dass dir "Mängelexemplar" nicht übermäßig gefallen hat, aber auch, dass du vor allem mit der Depression der Protagonistin nichts anfangen konntest. Vielleicht liegt dir das Thema in "Wachstumsschmerz" ja mehr?! Ich kann es dir nur ans Herz legen! Und danke für dein Lob :-)

    Liebe Grüße von Eurer Bücherdiebin!

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  5. Hey :)

    Oh man, ich hatte beim Lesen gerade das Gefühl, du würdest meine Eindrücke und Gefühle wiedergeben. :) Nur dass es dir Gelungen ist, daraus eine wundervolle Rezension zu schreiben und nicht so einen Gedankenbrei wie ich! :)
    Ich war nach dem Buch irgendwie total blockiert, lasse meinen Gedankensalat aber jetzt einfach so stehen. ;)
    Aber deine Rezi ist echt super gelungen!!

    lg, Steffi

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    1. Dankeschön, das hast du lieb geschrieben :-) Ich finde, man kann sich diesem Buch auch nicht so einfach nähern, weil man es zwangsläufig auf die eigene Situation bezieht - aber auch deinen "Gedankenbrei" wie du ihn nennst (ich find übrigens gar nicht, dass es sich wie Brei gelesen hat! *lach*) konnte ich super nachvollziehen. Eben ein tolles und persönliches Buch - schön, dass es dir ebenso gut wie mir gefallen hat <3
      Lieben Gruß von deiner Bücherdiebin!

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