Mittwoch, 18. Januar 2012

[Rezension & Buch im Buch]
Rebecca Makkai - Ausgeliehen

Weißt du, was gut ist? Wenn du je ins Gefängnis kommst, kannst du in deinem Beruf weiterarbeiten. Die haben doch Bibliotheken in den Gefängnissen, oder?

Als ich in jener Nacht im Bett lag, dachte ich, was für ein wundervolles Kinderbuch das sein könnte: Eine Bibliothekarin wird von den Geistern alter, freundlicher Bibliothekarinnen heimgesucht. Sie würden um die Bücherstapel herumschweben, würden in verstaubten Büchern Hinweise hinterlassen und drei tapferen Kindern helfen, den Schatz unter dem Fußboden zu finden. Wo gab es ein besseres Versteck für Geheimnisse als in einer Bibliothek?

Der 10-jährige Ian ist süchtig nach immer neuen Geschichten. Lucy Hull ist Bibliothekarin in der Stadtbücherei von Hannibal – und seine Komplizin. Sie hilft ihm, die geliehenen Bücher an seiner herrischen Mutter vorbeizuschmuggeln. Als Lucy eines Morgens zur Arbeit kommt, traut sie ihren Augen kaum: Ian kampiert, umgeben von Decken, T-Shirts und Büchern, zwischen den Regalen. Pflichtbewusst will Lucy den Ausreißer nach Hause bringen, doch Ian hat einen anderen Plan: Geschickt lotst er sie mitten hinein in eine abenteuerliche Reise quer durch die USA. Doch wer hat hier wen entführt? Und läuft wirklich nur Ian vor seinen Eltern davon?

Die junge Bibliothekarin Lucy war mir sofort sehr sympathisch - konnte ich mich doch gut in ihre Lage und in ihre (bibliophilen) Eigenheiten hineinversetzen. Auch der kleine büchersüchtige Ian, der von seiner Mutter sein liebstes Hobby verboten bekommt, konnte sofort mein Herz erobern. Doch je weiter die Geschichte voranschritt, desto langatmiger und abstruser wurde sie leider - und auch die Marotten der beiden Protagonisten zeichneten sich immer mehr ab und begannen, mir auf die Nerven zu gehen.

Die Atmosphäre, die man zunächst von dem Buch erwartet - eine Reise quer durch die Literatur, ausgehend von einer fantastischen Bibliothek - bekommt man hier leider nicht geboten. Stattdessen erwartet den Leser ein Roadtrip quer durch Lucys Vergangenheit, der viel zu unglaubwürdig geschildert wird, als dass man der Autorin die ganzen Verwicklungen noch abnehmen würde. Sehr gestört hat mich auch, wie bereitwillig Lucy auf Ians Kommandos reagiert, ihn ohne Gewissen und ohne Gedanken an die Konsequenzen fern von seiner Familie durch das Land fährt. Als dann noch die russische Mafia mit von der Partie ist, fragt man sich als Leser, ob und wo denn der Bezug zum eigentlichen Thema des Buches noch vorhanden ist.
Zwar erfährt man einiges über Land und Leute Amerikas - darunter durchaus ein paar lesenswerte oder humorvolle Anekdoten - aber leider bleiben diese oberflächlich und konnten mich nie so richtig berühren. Schade, denn ich hätte mir deutlich mehr von dem Buch erhofft!

Sprachlich finde ich "Ausgeliehen" sehr interessant und durchaus einen Blick wert: Es gibt immer wieder Kapitel, die den Erzählfluss des Buches verlassen und stattdessen weitere Informationen über Lucy, Ian oder ihre Reise bereithalten. Diese sind jedesmal in einem anderen Erzählstil gehalten, z.B. gibt es sehr skurille Listen, einen Part, in dem man selbst über den Verlauf der Geschichte entscheiden kann (...lies weiter bei Punkt 4...), kleine Märcheneinschübe und noch so einiges mehr. Dass diese Passagen trotzdem immer zur Geschichte passen, sie aber auf recht sarkastische Weise von einer allwissenden Ebene betrachten, hat mir sehr gut gefallen! Genial sind ebenfalls die Kapitelüberschriften; so trägt beispielsweise gleich der Prolog den Titel "Ian war nie glücklich, es sei denn, es gab einen Prolog" - auch über diese selbstironischen Referenzen musste ich jedesmal schmunzeln. 

Ein sprachlich überzeugendes Debüt mit einem interessanten Thema - leider kommt die Autorin aber mehr und mehr vom Wege ab und verliert die eigentliche Geschichte aus den Augen. 5 von 10 Bücherdiebinnen!








Buch im Buch (was ist das?):
Für die Buchliebhaber unter uns ist das Buch - gerade die ersten 100 Seiten - eine kleine Fundgrube, gibt es doch so einige Beschreibungen aus dem Leben der Bibliothekarin oder dem büchersüchtigen Ian, die das Herz des Bücherfreundes höher schlagen lassen. Hier z.B. eine Passage, in der Lucy über ihre eigenen Bücher fernab der Bibliothek erzählt:
"Ich weigerte mich, mir Bücherregale anzuschaffen, aus lauter Angst, ich wäre dann gezwungen, die Bücher streng nach der Dewey-Dezimalklassifikation zu sortieren oder alphabetisch oder nach noch schlimmeren Systemen. Deshalb lagen die Bücher aufeinander, einige Stapel waren so hoch wie ich, und sie waren nach der subjektivsten Methode sortiert, die ich mir hatte ausdenken können.
So lebte Nabokov zwischen Gogol und Hemingway, klemmte zwischen der alten und der neuen Welt. Willa Cather, Theodore Dreiser und Thomas Hardy stapelten sich übereinander, nicht wegen der chronologischen Nähe, sondern weil sie mich an Trockenheit erinnerten, wobei es bei Dreiser wohl nur der Name war. George Eliot und Jane Austen teilten sich einen Stapel mit Thackeray, weil ich von ihm nur "Jahrmarkt der Eitelkeiten" hatte; und ich dachte, dass sich Becky Sharp am besten unter Frauen machte (und tief im Herzen fürchtete ich, sie könnte David Copperfield verführen, würde ich sie neben ihm platzieren).
Dann gab es einige Stapel von zeitgenössischen Autoren, von denen ich der Meinung war, sie würden sich auf einer Cocktailparty blendend verstehen, und es gab mindestens drei Stapel mit Büchern, die ich persönlich verabscheute, sie aber dahaben musste, für den Fall, dass jemand sie von mir ausleihen wollte. [...]"

Kommentare:

  1. Der Buch Ausschnitt war mir furchtbar sympathisch. Sonst klingt es aber wirklich nicht besonders lesenswert und mein Interesse wurde nicht wirklich geweckt. Auf jeden Fall eine gute Rezension. :)

    Liebe Grüße
    Elle

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  2. Vom Inhalt her klingt es wunderbar - keine Frage -, aber der Fortlauf der Geschichte scheint doch etwas doof zu sein. :/ Schade, da hätte man bestimmt mehr draus machen können!
    Das Zitat ist auf jeden Fall wundervoll! *-* Auch wenn ich ohne Regale durchdrehen würde, stimmt es schon, was da steht. :)
    Liebste Grüße! :)

    killthesilencce.blogspot.com

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  3. Naja, das werde ich mir dann wohl ehr nicht kaufen! (:

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  4. @alle: Die Idee des Buches ist wirklich ganz wunderbar, aber wie die Geschichte dann fortgeführt wird, war leider nicht so dolle. Verzeiht das platte Wortspiel, aber "Ausgeliehen" ist damit ein perfektes Buch zum Ausleihen ;-) Zumindest wenn man wie ich solche "Buch-im-Buch"-Geschichten mag ;-)
    Liebe Grüße von Eurer Bücherdiebin!

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  5. Hey,
    ich habe dir ein Stöckchen zugeworfen: http://lesefee.blogspot.com/2012/01/stockchen-11-fragen.html
    Vielleicht hast du ja Lust mit zu machen?!
    LG
    Lesefee

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