Dienstag, 31. Januar 2012

[Rezension] Ally Condie
- Cassia und Ky II: Die Flucht

 Wenn das System dich zwingt zu fliehen, kann deine Liebe überleben?

Ky ist fort.
Meine ganze jetzige Situation - abgelegene Provinz, Arbeitslager, schmutzige Hände, körperliche Erschöpfung, seelische Qual - hängt damit zusammen, dass Ky fort ist und ich ihn suchen will. Wie seltsam, dass sich Abwesenheit wie Anwesenheit anfühlen kann. Er fehlt mir so sehr, dass ich dieses Gefühl vermissen würde, wenn es nicht mehr da wäre. Ich würde mich umdrehen und voller Überraschung feststellen, dass ich wirklich ganz allein bin, wohingegen ich vorher wenigstens etwas hatte - wenn auch nicht ihn.

ACHTUNG: Spoiler!! Bitte nur lesen, wenn ihr den ersten Teil "Die Auswahl" bereits beendet habt! Meine Rezension dazu findet ihr hier.

Wie durch ein Wunder gelingt Cassia die Flucht in die Äußeren Provinzen. Sie will nach Ky suchen, ihrer großen Liebe. Dort kämpft Ky als Soldat für die Gesellschaft und ist ununterbrochen brutalen Angriffen ausgesetzt. Als Cassia endlich auf eine Spur von Ky stößt, ist er bereits entkommen und auf dem Weg in die wilden Canyons in den Grenzgebieten. Verzweifelt macht sich Cassia auf den lebensgefährlichen Weg. Was wird sie am Ende der ihr bekannten Welt finden? Zwischen steinigen Schluchten und staubigen Pfaden sucht Cassia nicht nur nach Ky - sondern auch nach sich selbst.

Es ist ein knappes Jahr her, dass ich "Die Auswahl" gelesen habe und zunächst fiel es mir ziemlich schwer, wieder in die Geschichte rund um Cassia, Ky und Xander hineinzufinden. Es gibt wenig Wiederholungen, was zuletzt in "Die Auswahl" passiert ist, stattdessen wird man gleich damit konfrontiert, was Cassia während ihres Arbeitseinsatzes, der ihr vom System auferlegt wurde, erdulden muss. Mit der Zeit legt sich dies aber und man findet wieder besser in das Geschehen hinein.

Die Geschichte wird diesmal nicht nur aus der Sicht von Cassia erzählt, sondern wechselt sich ab mit Kys Erlebnissen. Da die beiden lange Zeit getrennt unterwegs sind, ist dies eine gute Lösung, dem Leser beide Charaktere nahe zu bringen. Leider hat dies aber auch zur Folge, dass beide Figuren eher blass bleiben. Durch den ständigen Wechsel konnte ich weder in Cassias noch in Kys Gedankenwelt richtig eintauchen. Die geistige Entwicklung Cassias von einer treuen Bürgerin hin zur Rebellin, die für mich den Reiz von "Die Auswahl" ausgemacht habt, sucht man hier vergeblich. Auch Ky wirkt - sogar in den Kapiteln, die aus seiner Sicht geschildert werden - wieder sehr verschlossen und offenbart dem Leser kaum Gefühle.

Gerne hätte ich in "Die Flucht" auch noch mehr über die Gesellschaft erfahren, so wie es im ersten Band der Fall war. Die Schilderungen des alltäglichen Lebens, wie beschränkt die Welt durch das System ist, und damit die ganze beklemmende Atmosphäre fehlten mir in "Die Flucht". Auch über die Rebellion, das erklärte Ziel, zu dem sich Cassia und Ky aufmachen, erfährt man leider kaum etwas. Stattdessen bekommt man eine Odyssee quer durch die wüste Landschaft der Canyons geboten; Spannung kommt dabei leider kaum auf. Auch wenn es die eine oder andere brenzlige Situation für Cassia und Ky gibt, hatte ich als Leser nie wirklich Angst um die beiden - zu schnell lösten sich die Gefahren wieder in Luft auf. Erschwerend kommt hinzu, dass sich Cassia und Ky lange Zeit nicht treffen, sondern jeder für sich planlos durch die öden Weiten irren - das war für mich als Leser eher anstrengend mitzuverfolgen. Wenn sie sich schließlich doch treffen, kommt zumindest für eine kurze Weile die Romantik des ersten Bandes hoch.

Einige Hinweise bekommt man aber auf das System geboten, die ich als durchaus spannend empfand. So gibt es weitere Kapitel zu den drei Tabletten, die ein jeder Bürger verpflichtet ist, bei sich zu tragen, und die Protagonisten entdecken eine geheimnisvolle Höhle, die vom System offensichtlich dazu angelegt wurde, Informationen über die Gesellschaft zu speichern. An diesen rar gesäten Stellen konnte ich den Schrecken des totalitären Systems wieder fühlen und mir bildlich vorstellen, wie furchtbar das Leben in einem solchen Staat sein muss - und eben auch, wie ausgeprägt der Wunsch zu einer Rebellion sein kann.

Es gibt einige neue Nebencharaktere, die mit den beiden Protagonisten zusammen auf der Flucht sind, doch von ihnen konnte mich leider keiner so recht überzeugen. Indie, ein mürrisches Mädchen, das Cassia gleich zu Beginn im Arbeitslager kennenlernt, fand ich sogar durchweg unsympathisch und ihre Motive blieben mir bis zum Schluss unklar. Xander dagegen tritt in "Die Flucht" fast gar nicht in Erscheinung, und wird in späteren Kapiteln nur noch am Rande erwähnt - ich hoffe stark, dass er im abschließenden Teil wieder eine größere Rolle spielt, ist er doch immer noch Cassias "Auserwählter"...

Durchweg positiv ist mir wieder Ally Condies Schreibstil aufgefallen. Ein bisschen melancholisch, mit vielen leisen Tönen und mancher Metapher kommt er sehr gefühlvoll daher. Die immer wieder auftauchenden Referenzen zu dem Gedicht "Geh nicht gelassen in die gute Nacht" von Dylan Thomas tun dazu ihr Übriges und unterstreichen die poetische Sprache.

Das Buch ist in meinen Augen der typische Mittelteil einer Trilogie. Die Handlung wirkt an einigen Stellen künstlich in die Länge gezogen und man bekommt insgesamt zu wenig Hintergrundinformationen. Ich hoffe sehr, dass die Autorin sich noch einiges an Potential für den letzten Teil aufgehoben hat, um den guten Start der Trilogie zu einem würdigen Abschluss zu bringen. 

Insgesamt eine eher enttäuschende Fortsetzung, die weder mit Charakterentwicklung noch mit Spannung so richtig überzeugen kann. 
5 von 10 Bücherdiebinnen!


Kommentare:

  1. Hallöchen. :)

    Du wurdest soeben von mir getaggt. :)
    http://schreiberlingsschatztruhe.blogspot.com/2012/01/tag-11-fragen.html

    Liebe Grüße, RomeosJuliet

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  2. Hm, schade, dass es dich nicht wirklich überzeugen kannte. Ist aber bei den Gründen, die du beschreibst, durchaus nachvollziehbar. Dennoch - irgendwie finde ich es echt blöd, wenn Trilogien auf der Mitte abflauen. Da sollten die Autoren doch wohl lieber Zweiteiler schreiben und nicht die klassische Trilogie.

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    1. Tja, Trilogien verkaufen sich im Moment halt gut :-) Ich weiß zwar nicht, ob es bei "Cassia und Ky" auch so war (und über den dritten Band kann man natürlich noch gar nichts sagen), aber es ist ja oft so, dass eine Buchidee so ausgewalzt wird, dass man Stoff für ein/zwei Bände dann zu einer ganzen Trilogie ausdehnt - einfach aus finanziellen Gründen. Der Geschichte ist dies leider oft nicht so zuträglich :-/
      Aber vielleicht lag es bei der "Flucht" auch einfach an mir, gab ja durchaus schon einige positive Rezensionen ;-)

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  3. Das klingt wirklich eher enttäuschend. Schade, wo in der Geschichte doch eine ganze Menge Potential steckt. Insgesammt sind die Meinungen über den zweiten Band wirklich ziemlich gespalten und ich bin schon gespannt, wie er mir gefallen wird.
    Wann kommt eigentlich die Rezension zu Eragon? ;)
    Liebste Grüße :)

    killthesilencce.blogspot.com

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    1. Eragon dauert noch ein bisschen, ich versuche gerade meinen Rezensionsstau ein bisschen abzubauen und jetzt erstmal die aktuellen Bücher zu rezensieren ;-)
      Wie hat dir denn der erste Band gefallen? Vielleicht kommst du ja besser als ich damit zurecht, wie sich die Geschichte entwickelt?! Ich denke (hoffe) wirklich, dass sich Ally Condie eine Menge Potential für den abschließenden Band aufgehoben hat - da muss ja noch einiges passieren, um die Story wieder aufzulösen...

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  4. So, jetzt folge ich den Notizen der Bücherdiebin offiziell ^^
    Habe gerade ein bißchen auch deinem Blog gestöbert und bin dabei auf die Rezi zu dem dritten Panem-Teil gestoßen. Mir hat das Ende leider auch nicht so gut gefallen, ich fand das Ende mancher Beziehungen leider zu plötzlich und auch der Epilog konnte mich in dieser Hinsicht leider nicht entschädigen. Trotzdem eine gelungene Reihe!
    Ich wünsche dir ein schönes Wochenende.
    LG

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    1. Dann nochmal ein offizielles Willkommen! :-)
      Ja, die "Tribute von Panem" sind schon eine besondere Reihe, alle drei Bücher haben mich ziemlich gefesselt und ich hab sie sehr schnell durchgelesen. Trotzdem hätte ich mir den dritten Teil irgendwie anders gewünscht, dass die Hungerspiele an sich mehr mit eingebunden werden. Und vom Schluss war ich eher enttäuscht. Trotzdem freue ich mich schon auf die Filme, die ja bald kommen und bin gespannt, wie die Welt dort umgesetzt wird...
      Liebe Grüße von deiner Bücherdiebin

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  5. Auch eine sehr schöne Rezension! :) Wobei es mit 5 Bücherdiebinnen noch recht gut weg gekommen ist. Ich schwanke derzeit echt nur zwischen 1 und 2 Sternen, aber ich habe ja noch 12% zu lesen ;) Aber viele Punkte die dich nerven, muss ich leider auch bejahen :/ Man ist die Flucht ein langweiliges Buch!!!!

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    1. Hehe, dankeschön :-) Ich fand das Buch auch nicht komplett schlecht, zumindest habe ich mich nicht ganz so durchgequält wie du :-) Aber die Enttäuschung war auf jeden Fall sehr groß, nachdem mir der 1. Band so gut gefallen hat. Da kann man nur hoffen, dass der 3. Teil diesen hier wieder rausreißen kann...
      Bin schon sehr gespannt auf deine abschließende Meinung!

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