Dienstag, 27. Dezember 2011

[Rezension] David Almond - Mina

Der Kopf ist ein Ort voller Wunder

Fühlen sich Erwachsene immer erwachsen und vernünftig und selbstsicher und ... ? Und will ich mich erwachsen fühlen? Will ich aufhören, abgedreht zu sein? Will ich diese Antimerkwürdigkeitsoperation?
Oh ja, manchmal wünsche ich mir nichts sehnlicher als das. Aber das dauert bloß einen Moment, und dann möchte ich wieder die merkwürdigste und abgedrehteste Person auf der ganzen Welt sein [...]

Mina ist anders als die anderen Kinder in ihrer Klasse. Nachdenklich, fantasievoll und rebellisch eckt sie immer wieder an. Mina stellt alles infrage: Glaube, Liebe, Freundschaft, Trauer, Vorschriften, das Leben an sich. Das ist Minas Blick auf die Welt. Das ist Minas Tagebuch. Das ist Mina.

Das (Kinder-)Buch "Mina" hat mich von der ersten Seite an tief bewegt. Dieses sicherlich etwas verrückte Mädchen, das im Mittelpunkt der Geschichte steht, besitzt einen ganz außergewöhnlichen Blick auf die Welt, an dem sie uns in ihrem Tagebuch teilhaben lässt. Dabei schreibt sie nie einfach nur über die erlebten Dinge, sondern lässt uns anhand "Außergewöhnlicher Aktivitäten", "Erstaunlicher Tatsachen" und vieler kleiner Randgeschichten an all ihren wirren Gedankengängen teilhaben. Mina ist stets nachdenklich und stellt sich sehr viele Fragen, die den Erwachsenen - vor allem ihren Lehrern, die stets zu wissen meinen, was sich gehört und was nicht - zu unbequem erscheinen. Selten erhält Mina Antworten auf ihre oft philosophisch angehauchte Neugier; einzig von ihrer Mutter bekommt sie den nötigen Rückhalt und ein offenes Ohr für ihre vielen Fragen.

Dass das neugierige Mädchen auch bei den gleichaltrigen Schulkameraden auf wenig Verständnis stößt, liegt auf der Hand - will sich doch keiner mit einer "Verrückten" sehen lassen. Daher lebt sie relativ zurückgezogen, was ihre Fantasie nur noch mehr zum Blühen bringt... sehr zur Freude des Lesers! So ist "Mina" vor allem auch ein Buch zum Nachdenken. Zunächst geht es darum: Wie ist mein Blick auf die Welt? Wie würde ich die vielen Fragen, die Mina sich stellt, beantworten? Dann fragt man sich aber auch: Wie würde ich auf so ein "verrücktes" Mädchen wie Mina reagieren? Würde ich sie vielleicht auch komisch finden und Abstand von ihr halten, eben weil sie anders ist?

Minas ungewöhnlicher Blick auf die Welt spiegelt sich gleichzeitig auch in einer sehr besonderen Schreibweise in ihrem Tagebuch wider. Obwohl das Buch in vielen Passagen erzählende Texte (und somit auch eine vollständige Geschichte) enthält, werden diese immer wieder gebrochen von Minas Gedanken, die im Buch durch ganz unterschiedliche Schriftbilder umgesetzt werden. Mir hat diese episodenartige Schreibweise ganz wunderbar gefallen - fühlt es sich doch so an, als könnte man direkt in das Wirrwarr in Minas Kopf hineinschauen... aber schaut einfach mal selbst:

*alle Bilder werden durch Anklicken größer*














So ist "Mina" ein Buch, das aufgrund des kindlichen Tagebuchstils und des durchaus tiefsinnigen Hintergrunds sicher ganz unterschiedlichen Lesern gefallen wird. Empfohlen wird es für Kinder ab 10 Jahren, doch kann auch jeder Erwachsene noch etwas von Minas aufgeschlossener und neugieriger Weltsicht lernen! Wenn man sich einmal auf die ungewohnte Schreibweise eingelassen hat, kann man sehr viel Weisheit aus diesem Buch ziehen: über die Sprache, über das Leben und natürlich über das "Anderssein". Und sicher werde ich demnächst mal die ein oder andere "Außergewöhnliche Aktivität" ausprobieren und wieder etwas Neugier fühlen ;-)

Ein ganz besonderes Buch, das nicht nur Kindern Spaß machen wird und gleichzeitig wunderbar zum Nachdenken über die eigene "Merkwürdigkeit" anregt. 10 von 10 Bücherdiebinnen!




Zu dem Buch gibt es sogar eine Art Fortsetzung, die zwar vor "Mina" erschienen ist, zeitlich aber danach spielt: "Zeit des Mondes". Dieses Buch wird aus Sicht des Nachbarsjungen Michael erzählt, der auch in "Mina" ein paar Auftritte hat. Mina glänzt hier wieder mit ihren verrückten Ideen, aber - leider - wird die Geschichte nicht in dem episodenartigen Tagebuchstil beschrieben, sondern ist in einem ganz "normalen", chronologischen Erzählstil gehalten. Was mir bei "Zeit des Mondes" ebenfalls nicht ganz so gut gefallen hat, ist, dass ein fantastisches Element nie so richtig geklärt wird. Lesenswert ist das Buch aber allemal, da es ebenso wie "Mina" sehr zum Nachdenken über ein ernsthaftes Thema anregt:

Kurz nach dem Einzug der Familie in ihr neues Haus kommt Michaels Schwester zu früh und todkrank zur Welt. Hilflos und allein gelassen beginnt Michael seine neue Umgebung zu erkunden. Da entdeckt er zwischen Schutt und Gerümpel in der Garage ein seltsames Wesen. Abgestoßen und fasziniert zugleich wendet er sich diesem scheuen Vogelmenschen zu und beginnt für ihn zu sorgen. Seine Verbündete ist das Nachbarmädchen Mina. Sie wächst ganz frei und naturverbunden auf und ist für Michael genau die richtige Freundin. Gemeinsam bringen sie „Skellig“ aus der baufälligen Garage in Sicherheit, und dabei entdecken sie seine Flügel...

Kommentare:

  1. Ich weiß gar nicht genau, ob ich hier schonmal auf das Buch aufmerksam geworden bin oder woanders. Zumindest war ich auf eine Rezi gespannt und habe das Buch jetzt weit oben auf meiner Wunschliste stehen. Klingt toll, anders und wirklich lesenswert. Eine sehr schöne Rezension.

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  2. Das klingt absolut wunderbar. :) Das Cover selbst ist ja schon ziemlich verspielt und ... skuril, aber wenn das Buch auch noch teilweise in Wortbildern geschrieben ist, kann ich gar nicht anders, als es demnächst zu lesen. :) Vielen lieben Dank für diese Empfehlung!
    Liebste Grüße :)

    killthesilencce.blogspot.com

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  3. @Kirsche: Kann gut sein, dass du das Buch bei mir schonmal gesehen hast - ich bin bereits in erste Schwärmereien ausgebrochen, da hatte ich es noch nicht gelesen, sondern nur mal kurz reingeschaut :-) Es ist wirklich was ganz besonderes!

    @Faith: Ja, das Cover ist sehr verspielt und gibt uns schon einen ersten Eindruck von Minas Phantasie. Aber die verschiedenen Schriftbilder im Buch selbst sind auch ganz toll!

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