Montag, 19. Dezember 2011

[Rezension & Buch im Buch]
Régis de Sá Moreira - Das geheime Leben der Bücher

Der Buchhändler weigerte sich, Schund zu verkaufen.

Tausende Kilometer von dem Ort entfernt, an dem Sie sich befinden, in einem Land, in einer Stadt, in einer von vielen Buchhandlungen schlug ein Buchhändler die Augen auf.
Er hatte das Dingelingdingeling der Eingangstür seiner Buchhandlung gehört.
Er rückte ein paar Sachen auf seinem Schreibtisch zurecht und wartete.
Der Schreibtisch des Buchhändlers war hinter zwei über Eck gestellten Regalen verborgen.
Er war der Überzeugung, dass die Kunden, die seine Buchhandlung betraten, vor allem Bücher sehen wollten. 
Die meisten suchten ja nicht unbedingt einen Buchhändler.


Er hat sein ganzes Sein seiner Buchhandlung und den Büchern verschrieben. Sein Laden ist sein Universum, in dem und für das er lebt. Hier in seinem Reich empfängt er seine Kunden, durchlebt Ängste und Freuden, erinnert sich wehmütig an vergangene Lieben, hält Kontakt zu seinen 10 Geschwistern, und vor allem kann er seiner Passion nachgehen, dem Lesen. Denn wenn er sich in den Seiten eines Buches verliert, hat er das Gefühl, geliebt zu werden. Und wie in jeder echten Liebesbeziehung fühlt er sich für sie verantwortlich. Manchmal sogar so sehr, dass ein Kunde seinen Laden ohne ein Buch verlassen muss, da er immer ein wenig Angst hat, seine Bücher könnten in falsche Hände geraten. Im Mittelpunkt von Régis de Sá Moreiras Geschichte steht ein wunderbar altmodischer und liebenswürdiger Buchhändler: einer der letzten seiner Art, der uns – auf wunderbar poetische Weise – den Glauben an die Wirkung von Büchern wiedergibt.

Der Stil des Buches erinnerte mich stark an Kurzgeschichten: Es werden viele kurze (und relativ abgeschlossene) Szenen aus dem Leben des Buchhändlers beschrieben, die sich um Bücher, die Arbeit in der Buchhandlung oder das Lesen drehen. Besonders amüsant sind dabei die Anekdoten, in denen Kunden ein bestimmtes Buch in der Buchhandlung suchen, und wie der Buchhändler darauf reagiert. Dieser Buchhändler ist nämlich ein besonders schrulliges, aber auch liebenswertes Exemplar seiner Gattung: Er hat es sich zur Aufgabe gemacht, nur Bücher zu verkaufen, die er selbst gelesen und für gut befunden hat. Diese Idee fand ich wirklich großartig, denn träumen wir Buchliebhaber nicht alle davon, eine eigene Bibliothek zu besitzen, in der nur die Werke stehen, die wir selbst gelesen und lieben gelernt haben? So hat sich der Buchhändler aus "Das geheime Leben der Bücher" einen heimlichen Traum von mir erfüllt :-)

Außer diesen Geschichten über Bücher erfährt man leider nur sehr wenig über das Leben des Buchhändlers, der sicher noch viel mehr erzählen könnte. Immer mal wird am Rande angedeutet, dass er aus einer sehr  großen Familie kommt, mit der er heute aber nur lose Kontakt hält, und dass es schon einige große Lieben in seinem Leben gegeben hat - die aber ebenfalls nicht gehalten haben. Der Leser fragt sich, wie es nun zu dieser recht einsamen Situation in der Buchhandlung gekommen ist, doch eine Antwort erhält man leider nicht. Nur der Prolog sowie der Epilog deuten in einer lose verknüpften Geschichte darüber hinaus an, wie das Leben des Buchhändlers fernab der Bücher einmal ausgesehen hat. Insgesamt ist das Buch mit nur 176 Seiten und vielen großen Absätzen sehr schnell gelesen, trotzdem bleibt aufgrund vieler ungeklärter Andeutungen ein nachhaltiger Eindruck. Besonders gut hat mir natürlich die beschriebene Atmosphäre in der Buchhandlung gefallen. Immer wartet man schon auf das nächste "dingelingeling", mit dem sich ein neuer Kunde - und damit ein neues "Bücherabenteuer" - ankündigt.

Und hier noch eine besonders schöne Passage über den kauzigen Buchhändler:
Der Buchhändler weigerte sich, Schund zu verkaufen.
"Aber wer war er denn, dass er entschied, was Schund war?", gab man ihm gelegentlich - und nicht immer mit erlesener Höflichkeit - zu verstehen.
Nun, immerhin war er der Buchhändler.
Und das schien ihm hinreichend.
Die unzufriedenen Leute brauchten doch nur die eine oder andere der zahlreichen Buchhandlungen der Stadt aufzusuchen oder ihre eigene Buchhandlung zu eröffnen und damit ihren eigenen Schund zu kaufen oder zu verkaufen. Der Buchhändler sah nicht ein, warum er das tun sollte.
[...]
Die einzige Möglichkeit, die der Buchhändler gefunden hatte, um sicher zu sein, keinen Schund zu verkaufen, bestand darin, alle Bücher selbst zu lesen, die er in die Regale seiner Buchhandlung stellte.
Der Buchhändler verbrachte also seine Zeit mit Lesen. und wenn er nicht las, las er dennoch weiter.
Oder las alles wieder von vorn.
Bei der Geburt seiner Buchhandlung, als er der jüngste Buchhändler der Stadt war, in der er lebte, besaß der Buchhändler nur ein einziges Bücherregal, hinter dem er kaum seinen Schreibtisch verbergen konnte.
Aber die Zeit verging, und der Buchhändler hatte zugenommen und die Zahl seiner Bücher ebenfalls.

Ein kleines, aber feines Buch mit vielen (sehr vielen!) Büchern. 
7 von 10 Bücherdiebinnen!

Kommentare:

  1. Ein Buch über einen Buchhändler? Als (ehemalige) Buchhändlerin muss ich das unbedingt lesen! ;)

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  2. Oh die Textpassage ist ja wirklich zauberhaft! Musste echt schmunzeln! :) Schöne Rezi, meine Liebe!

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  3. Toll geschriebene Rezension und wundervoller Blog (auf den ich leider erst jetzt gestoßen bin) :)
    Vielleicht hättest du ja Lust bei einem kleinen Bücher-Gewinnspiel mitzumachen, das wir soeben auf unserem Blog gestartet haben? Dann schau doch mal vorbei: http://fearsomeangel.blogspot.com/2011/12/wintergewinnspiel.html

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  4. Das Buch klingt toll, das hol ich mir auf jeden Fall! Gut das bald Weihnachten ist...

    Liebe Grüße
    Elle

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  5. @Moena: Ich hoffe, du bist/warst keine so schrullige Buchhändlerin wie der Protagonist hier :-) Aber bei dem ein oder anderen Kunden, der in seinem Laden kommt, werden bestimmt Erinnerungen wach...

    @Ayanea: Danke, danke :-) Ja, der Buchhändler ist schon ein lustiges Kerlchen!

    @Sara: Willkommen auf meinem Blog! ich werd gleich mal bei euch vorbeischauen.

    @Elle: Ja, zu Weihnachten wächst der SuB immer besonders gut... aber dies Buch hat man echt schnell gelesen :-)

    Liebste Grüße von eurer Bücherdiebin!

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  6. Das klingt soooo wundervoll das es auf meiner Wunschliste für 2012 sehr weit nach vorne gerückt ist! *-*
    Liebste Grüße :)

    killthesilencce.blogspot.com

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