Mittwoch, 7. Dezember 2011

[Rezension] Aimee Bender
- Die besondere Traurigkeit von Zitronenkuchen

"Das Essen schmeckt so schlecht."

Sie sah mich erwartungsvoll an.
Er schmeckt so leer, sagte ich.
Der Kuchen? Sie lachte verblüfft. Ist es so schlimm? Hab ich eine Zutat vergessen?
Nein, antwortete ich. Das meine ich nicht. Als wärst du gar nicht da gewesen. Geht's dir wirklich gut? Ich schüttelte den Kopf. Lauter dämliche Sätze, die keinen Sinn ergaben.
Ich bin aber da, sagte sie munter, und mir geht's gut. Noch ein Stück?
Sie hielt mir ihre Gabel hin - ein sonnengelbes Etwas in Kakaobraun getunkt -, aber ich konnte beim besten Willen nichts mehr davon essen.


An einem strahlenden Frühlingstag kurz vor ihrem neunten Geburtstag beißt Rose Edelstein in ein Stück Zitronenkuchen, den ihre Mutter für sie gebacken hat. Und muss feststellen, dass zwischen den frischen Zitronen, dem Zucker und der Butter, nun ja, eindeutig ein Hauch Traurigkeit liegt. Nicht besser ergeht es Rose mit dem Hühnchen und den grünen Bohnen, die die Mutter zum Abendessen reicht - und von nun an mit allen Gerichten. Der Marmeladentoast ihres Bruders Joseph schmeckt seltsam abwesend, das Roastbeef ihres Vaters nach Schuldgefühlen, ein Sandwich nach großer Verliebtheit: Jeder Bissen offenbart mehr, als Rose lieb ist...

"Die besondere Traurigkeit von Zitronenkuchen" ist ein sehr leises Buch mit gefühlvollen Tönen. Wer eine actionreiche Story erwartet, ist hier leider an der falschen Adresse, alle anderen sollten definitiv mal einen Blick wagen und können sich auf eine zu Herzen gehende Geschichte freuen!

Die Idee, dass ein Mädchen am Essen schmecken kann, mit welchen Gefühlen dieses gekocht wurde, ist so ungewöhnlich wie innovativ und hat mich von der ersten Seite an überzeugt. Wie gut lässt sich doch beim Kochen oder Backen, während man Lebensmittel zerkleinert, auf die richtige Kochtemperatur wartet oder die Zutaten vermischt, über die eigene Gefühlswelt und das Leben nachdenken! Warum sollte es also nicht jemanden geben, der den Ärger, die Liebe oder eben die Traurigkeit spüren kann, mit der eine Mahlzeit mühevoll hergestellt wurde?

Diese besondere Gabe wird für Rose allerdings schnell zur Last, da sie in etwas so Normalem wie den täglichen Mahlzeiten plötzlich feststellen muss, dass ihre gesamte Familie in einer tiefen Traurigkeit gefangen gehalten ist, aus der es scheinbar keinen Ausweg gibt. Zu lesen, wie viel diesem gerade erst neunjährigen Mädchen damit zugemutet wird, wenn es von der verblühten Liebe seiner Eltern oder der Einsamkeit seines Bruders erfahren muss, hat mich tief bewegt. Erschwerend hinzu kommt noch, dass natürlich kein Erwachsener an den ungewöhnlichen Geschmackssinn von Rose glaubt und sie somit lange Zeit auf sich allein gestellt bleibt. Erst von George, dem einzigen Freund ihres Bruders, erhält sie Zuspruch und es bahnt sich über die Jahre eine zarte Liebesgeschichte an - die aber, wie sollte es anders sein, ebenfalls nicht nur von glücklichen Momenten geprägt ist.

Eigentlich erzählt Aimee Bender die ganze Zeit über nur von dem Leben einer relativ normalen Familie, die über mehrere Jahre hinweg in ihrem eigenen Alltag gefangen wurde und sich nun nicht mehr von ihren Problemen lösen kann. Das schreckliche daran ist erst, dass alles Geschehen im Buch (eben aufgrund dieser Alltäglichkeit) so normal erscheint, dass man nach dem Lesen fast Angst davor hat, dass einen selbst dieses Schicksal - die unabwendbare Normalität - ereilen könnte. Und dadurch, dass man durch Rose von all den überwältigenden Gefühlen und Gedanken der Familie so direkt eine Ahnung bekommt, enthüllt sich erst die ganze Traurigkeit der Protagonisten - weit über den Tag des Zitronenkuchens hinaus.

Unbedingt sagen möchte ich allen an dem Buch Interessierten noch, dass die Herkunft der besonderen Gabe während der gesamten Geschichte nie geklärt wird - und diese bleibt bei weitem nicht das einzige übersinnliche Phänomen. Mich hat dies keineswegs beim Lesen gestört, geht es doch vielmehr um die Bedeutung dieser Gabe als um die Herkunft, doch wer lieber Erklärungen erhält, der sollte am Ende nicht enttäuscht sein, wenn er keine solche bekommt. Ganz im Gegenteil werden im späteren Verlauf noch weitere Fragen aufgeworfen, die man sich nach dem Lesen erst selbst beantworten muss. Doch gerade dies macht in meinen Augen den Reiz des Buches aus, denn mich hat es nach der Lektüre noch lange nicht losgelassen.

Ein trauriges Buch, auf das man sich erst einlassen muss, das dann aber schnell seinen ganzen Zauber entfaltet! 9 von 10 Bücherdiebinnen.


Kommentare:

  1. Ich fand den Titel von diesem Buch von Anfang an richtig toll und vor allem hat er mich sehr neugierig gemacht. Grob wusste ich auch schon vom Inhalt und finde die Idee absolut originell und einmalig.
    Deine Rezension ist super und hat mich sehr neugierig auf das Buch gemacht. Werd ich wohl auch mal lesen. :)

    AntwortenLöschen
  2. Das klingt so wunderschön! Dieses Buch ist gerade auf meiner Wunschliste sehr weit nach oben gerutscht! Ich fand' ja den Titel ziemlich albern, aber jetzt ist er wunderschön :) Eine wirklich gelungene Rezension die sehr viel Lust auf das Buch macht (:
    Liebste Grüße!

    killthesilencce.blogspot.com

    AntwortenLöschen
  3. Freut mich, wenn ich euch einen Buchtipp geben konnte! Das Buch ist auch wirklich wunderbar und hebt sich ziemlich von der ganzen Mainstream-Literatur ab.

    @Lisa: Mensch, immer noch im www unterwegs? Du sollst doch Kisten packen ;-)
    Ja, der Titel hat es mir auch sofort angetan, wie lange bin ich um dieses Buch herumgeschlichen... 20 Euro waren mir im Laden immmer zu teuer, aber als ich es neulich in der Bücherei entdeckt habe, ist es sofort bei mir gelandet - nur damit ich jetzt im Nachhinein denke, ich hätt's mir doch kaufen sollen ;-)

    @Faith: Wenn man nichts weiter über das Buch weiß, klingt der Titel schon ein bisschen abstrus, aber das hat mich nur noch neugieriger gemacht :-) Schön, wenn das Buch deine Wunschliste hinaufgeklettert ist - bald ist ja Weihnachten ;-)

    AntwortenLöschen
  4. Das Buch hatte ich auch schon in den Händen . . . nur schon wegen dem Titel . . .

    AntwortenLöschen
  5. Ich lese das Buch momentan und ich bin am letzten Viertel angelangt. Ich muss ehrlich sagen, dass das Buch mich teilweise in eine Stimmung versetzt, die fast traurig ist.
    Die Schreibweise ist gewöhnungsbedürftig aber so zärtlich und rein, dass ich kaum das Buch aus der Hand legen kann.

    Auch wenn ich noch nicht fertig mit lesen bin, absolut empfehlenswert!

    AntwortenLöschen
  6. Oh ja, die Traurigkeit habe ich auch durch und durch gespürt, ich konnte mich sehr gut in die Protagonistin hineinversetzen. Dann wünsche ich dir noch viel Spaß mit den letzten Seiten und hoffe, dir gefällt das Ende! Würde mich über deine Meinung dazu sehr freuen!

    AntwortenLöschen