Mittwoch, 30. November 2011

[Rezension] Jenny Valentine - Wer ist Violet Park?

Ich traf Violet, nachdem sie gestorben war, 
aber das hielt mich nicht davon ab, sie kennenzulernen.
 
"Die Urne war das einzige in diesem Laden, das anzusehen sich lohnte. Vielleicht lag es daran, dass ich die ganze Nacht durchgemacht hatte, vielleicht musste ich mich dort drin an etwas festhalten, damit ich nicht umkippte, ich weiß es nicht, jedenfalls fand ich eine Urne. An einer holzverkleideten Wand, nach Art einer Blockhütte, war auf halber Höhe ein Regalbord mit ein paar Illustrierten drauf und einer Tasse und einer Untertasse, wie man sie in Gemeindesälen und Krankenhäusern sieht. Daneben war eine Urne, was ich zu der Zeit aber nicht wusste, ich hielt sie für eine Art Pokal oder dachte, sie sei mit Keksen gefüllt oder was weiß ich."


Es kommt nicht oft vor, dass der 16-jährige Lucas Swain Freundschaften schließt. Er ist lieber für sich, denkt nach, grübelt herum. So ist es für ihn ein richtiges Ereignis, als er sich mit Violet Park anfreundet, denn Violet ist - tot. Und Lucas rettet ihre Urne. 
Das erste Mal hörte Lucas von Violet in einem kleinen Minicar-Büro, mitten in der Nacht. Ihre Überreste stehen in einer Schachtel auf einem Regal. Allein die Tatsache, dass sie einmal gelebt hat und nun bis in alle Ewigkeit in einem verräucherten Büro stehen muss, setzt Lucas so zu (mal davon abgesehen, dass er eine Nanosekunde glaubt, sie würde ihn aus der Urne heraus um Hilfe anrufen), dass es für ihn zu einer Mission wird, herauszukriegen, wer diese Frau war. Was er erfährt, lässt ihn sein eigenes Leben besser verstehen.

"Wer ist Violet Park?" schildert im Grunde nur den ganz normalen Alltag eines 16-jährigen Jungen, der uns an seinem klugen Blick auf die Welt teilhaben lässt. Lucas macht sich über viele Dinge Gedanken, mit denen sich die meisten anderen jungen Menschen wohl selten so intensiv auseinander setzen: das Alter, die Einsamkeit, Depressionen und Trennungen. Trotzdem gibt es viele fröhliche Passagen in dem Buch, die durch einen sehr speziellen englischen Humor gezeichnet sind - meistens bestehen sie aus völlig absurden Alltagsmomenten, die gleichzeitig zum Schmunzeln, aber auch zum Nachdenken anregen. Diese Brüche - die Momente, in denen einem das Lachen plötzlich im Halse stecken blieb - haben mir sehr gut gefallen und verleihen dem Buch eine einzigartige Note.

Nicht so gut hat mir dagegen die Erzählstruktur des Buches gefallen: Der Ich-Erzähler Lucas kommt innerhalb der Geschichte immer mal "vom Wege" ab und erzählt kleine Episoden aus seiner Vergangenheit. Diese Erzählungen helfen zwar an vielen Stellen, das Verhalten und die Hintergünde der verschiedenen Personen besser zu verstehen, doch machten sie es für mich anfangs sehr schwer, vollständig in die Geschichte einzutauchen. Ich habe knapp die Hälfte der 200 Seiten gebraucht, mich zwischen den Personen und ihren Verhältnissen untereinander zurechtzufinden, was sehr schade war, da ich hier wesentlich mehr Potential gesehen hätte, noch mehr Spannung in die Geschichte hineinzubringen. 

Insgesamt ist "Wer ist Violet Park?" für meinen Geschmack zu sehr von Zufällen geprägt; dass Lucas eine Urne entdeckt, die zufällig mit seiner eigenen Vergangenheit in Verbindung steht, war da nur der Anfang einer langen Kette von Zufällen. Das Ende dagegen hat mich ziemlich sprachlos zurückgelassen und ich musste noch länger darüber nachdenken. Auch wenn man sich beim Zuklappen des Buches zunächst noch viel mehr Informationen wünscht, so ist der Ausgang der Geschichte doch nur realistisch und folgerichtig - und berührt dadurch vielmehr als alle Worte, die die Autorin noch hätte hinzufügen können.

Besonders empfehlen möchte ich euch Jenny Valentine aufgrund ihrer guten Beobachtungsgabe für ihre Charaktere und die Art, scheinbar unbedeutende Ereignisse zu beleuchten, die für ihre Protagonisten eine plötzliche Bedeutung entwickeln. Diese ungewöhnliche Sicht auf gewöhnliche Dinge macht ihre Werke zu etwas ganz besonderem. "Wer ist Violet Park?" ist das Debüt der jungen Autorin, doch noch mehr möchte ich euch ihr zweites Werk "Kaputte Suppe" ans Herz legen. Dieses besticht ebenso durch den tollen Erzählstil, doch überzeugte und berührte mich die Geschichte (die nebenbei bemerkt sehr viel fließender erzählt wird) hier sogar noch mehr.

Ein sprachlich absolut überzeugendes Debüt, dem ich etwas mehr Spannung gewünscht hätte. 7 von 10 Bücherdiebinnen!


Kommentare:

  1. Das Buch hat meine Chefin mal als Monatstipp in der Buchhandlung empfohlen. Seitdem steht es auf meiner Wunschliste. Jetzt glaube ich, es wird nicht mehr allzu lange da stehen. ;)

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  2. Klingt gut. Ist ein Buch, dass ich vom Cover her nie in die Hand genommen hätte. Habe es jetzt mal auf meinen Wunschzettel geschrieben. Danke für die Rezi :)

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  3. @Moena: Freut mich, wenn ich das Buch demnächst von deiner Wunschliste auf den SuB holen kann :-)

    @Kirsche: Das Cover ist wirklich nicht besonders hübsch und das pink beißt sich ziemlich mit dem gelb, finde ich... Andererseits gefällt mir das Zitat darauf sehr gut. Das Cover von "Kaputte Suppe" finde ich da ebenfalls gelungener ;-)

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  4. Eine wirklich gelungene Rezension! Auch wenn ich im Gegensatz zu dir „Wer ist Violet Park?“ ein wenig besser fand als „Kaputte Supper“, so kann ich deine Kritikpunkte verstehen. Aber trotz allem freut es mich zu sehen, dass dir das Buch doch einigermaßen gefallen hat!

    Ganz liebe Grüße aus dem Nirgendwo!

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  5. Ups, meinte natürlich „Kaputte Suppe“. ;-)

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  6. ins Nirgendwo: vielleicht kommt es ja darauf an, welches Buch man zuerst von der Autorin liest - und dann wird man so umgeworfen von dem Schreibstil, dass alles danach gar nicht mehr an das erste Buch herankommt ;-)
    So oder so, Jenny Valentine werde ich auf jeden Fall im Auge behalten.
    Lieben Gruß von deiner Bücherdiebin!

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  7. Die Rezension hat mir sehr geholfen.
    Danke :)
    Ich brauche sie für mein Lesetagebuch :))
    Weiter so!

    Elfinchen

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    1. Hehe, sehr gerne. Aber bitte nicht nur meine Meinung kopieren ;-)

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