Donnerstag, 3. November 2011

[Rezension] Antonia Michaelis - Der Märchenerzähler

Geliebter Mörder?

Er muss etwas tun. Etwas gegen das Blut. Ein Meer aus Blut, ein rotes, unendliches Meer, purpurne Wogen, karminrote Gischtkämme, spritzende Farbe. All diese Worte in seinem Kopf!
Wie lange kniet er schon so da, mit den Worten im Kopf? Das Rot beginnt zu trocknen, Ränder zu bekommen, etwas von seiner Schönheit zu verlieren, die Mohnblumen verwelken, vergilben wie die Worte, wenn man sie auf Papier schreibt ...



Abel Tannatek ist ein Außenseiter, ein Schulschwänzer und Drogendealer. Wider besseres Wissen verliebt Anna sich rettungslos in ihn. Denn es gibt noch einen anderen Abel: den sanften, traurigen Jungen, der für seine Schwester sorgt und der ein Märchen erzählt, das Anna tief berührt. Doch die Grenzen zwischen Realität und Fantasie verschwimmen. Was, wenn das Märchen gar kein Märchen ist, sondern grausame Wirklichkeit? Was, wenn Annas schlimmste Befürchtungen wahr werden?

Wenn man Rezensionen zum "Märchenerzähler" liest, stößt man unweigerlich auf ganze Lobeshymnen über den ungewöhnlichen Schreibstil der Autorin - und auch ich kann da nur einstimmen: Antonia Michaelis' Stil ist fantasievoll, passend zum Thema wahrlich "märchenhaft" und originell. Beim Lesen konnte ich in den Worten regelrecht versinken, es gab wunderbare Metaphern, die ich so vorher noch nie gelesen hatte, bei denen ich aber trotzdem sofort wusste, was gemeint ist, einfach weil sie direkt mein Herz berührt haben. Allein durch diese Art zu schreiben hebt sich das Buch schon weit vom "normalen" Jugendbuchmarkt ab und hat mich direkt überzeugen können!

Einzig mit den Märchenelementen des Buches konnte ich nicht ganz so viel anfangen. Die Geschichte, die Abel erzählt und in die er meist viel mehr Wahrheit verpackt als dem Leser lieb ist, war an sich nicht sehr spektakulär und - märchentypisch - voller kleiner Ungereimtheiten. Trotzdem gefielen mir die Parallelen zur eigentlichen Geschichte, die man oft herauslesen konnte, sehr gut. Manchmal haben sie zudem eine kleine Vorausahnung gegeben, was in der Geschichte als nächstes passieren würde oder haben einen Aspekt im Nachhinein noch genauer beleuchtet.

Nun aber zum eigentlichen Inhalt des Buches, wobei ich gleich eine kleine Warnung an alle aussprechen möchte, die es noch nicht gelesen haben: Über dieses Buch lässt sich sehr schwer spoilerfrei reden. Daher garantiere ich in den folgenden zwei Absätzen nicht dafür, dass ihr etwas erfahrt, was ihr vor dem Lesen des Buches gar nicht wissen wolltet. Ich werde natürlich niemandem hier das Ende verraten und fand es auch selbst nicht schlimm, schon vor dem Lesen etwas mehr über dieses Buch zu wissen, aber das sollte jeder selbst entscheiden dürfen:

Die Geschichte ist komplett aus der Sicht von Anna geschrieben, die sich mehr und mehr in den "Märchenerzähler" Abel verliebt. Gleich zu Beginn des Buches wird ein Mord beschrieben, doch es lässt sich bis kurz vor Ende des Buches kaum festmachen, ob Abel diesen Mord begangen hat, ob er vielleicht nur jemand anderen beim Morden beobachtet hat oder ob dies alles nur ein weiteres Gespinst seiner Fantasie ist. Klar ist jedoch bald, dass Abel als Schulschwänzer und Drogendealer nicht gut ist für die stets wohlbehütet aufgewachsene Anna. Doch der Leser muss verfolgen, wie Anna diesen geheimnisvollen Jungen immer weiter umschwärmt und sich bald hoffnungslos in ihn verliebt. Aus ihrer Sicht beschrieben wirken daher alle negativen Eigenschaften Abels absolut harmlos. Selbst als es zu einer heftigen handgreiflichen Szene zwischen den beiden kommt, die mich so sehr mitgenommen hat, dass ich das Buch erst einmal zur Seite legen musste, verliert Anna ihren verklärten Blick kaum. Das Problem dabei ist hauptsächlich, dass man sich beim Lesen kaum einen objektiven Standpunkt verschaffen kann, sondern weiterhin auf Annas Beschreibungen angewiesen ist - erst wenn man das Buch zur Seite legt und über das Gelesene nachdenkt, hat man wirklich die Gelegenheit, es zu reflektieren. Dies wird das gesamte Buch so durchgehalten und erst zum Ende hin, wenn Annas Welt durch schlichte Tatsachen mehr und mehr erschüttert wird, kann man sich wirklich einen Reim auf viele Handlungsstränge der Geschichte machen.

Die große Frage, um die sich in vielen Rezensionen gestritten wird, ist daher auch: Darf man das? Darf man so liebevoll mit Blick auf einen (potentiellen) Mörder berichten? Darf man sich den Leser mit der grenzenlosen Abhängigkeit einer Person, die so völlig blind vor Liebe ist, identifizieren lassen? Ich finde schon! Literatur soll uns nicht nur die schönen Dinge des Lebens zeigen, sondern uns auch verschiendene Blickrichtungen ausprobieren lassen können, unsere Augen öffnen für die Verhaltensmuster anderer Menschen, seien sie auch noch so selbstzerstörerisch. Für mich war dieser Wechsel der Perspektive unglaublich interessant und dazu spannend geschildert - ich denke, eine objektive Erzählweise hätte dem Buch viel an Atmosphäre geraubt. Mit der nötigen Portion an Abstand gewinnt diese durch Anna idealisierte Darstellung Abels noch viel mehr an Schrecken. Und sie zeigt gleichzeitig auf, dass es eben nicht nur "schwarz" und "weiß" gibt, sondern sich jeder Mensch irgendwo dazwischen bewegt - selbst der Mörder in diesem Buch.

Sehr problematisch finde ich bei all diesen Stilelementen allerdings, dass dies völlig unkommentiert in einem Jugendbuch geschieht, das ab 14 Jahren empfohlen wird. Ich denke, nur wenige 14-jährige Leser können den "Märchenerzähler" schon differenziert genug und mit einem gehörigen Abstand lesen. Daher würde ich das Buch frühestens ab 16, besser für noch etwas ältere Leser empfehlen. 

Ein sensibles, schockierendes und poetisches Märchen, das man nicht so leicht wieder vergessen wird. 8 von 10 Bücherdiebinnen!


Kommentare:

  1. Eine wirklich gelunge Rezension, zu einem meiner Lesehighlights in diesem Jahr!

    Das mit dem Bedenken wegen der Altersempfehlung kann ich wirklich verstehen. Ich selbst habe den Märchenerzähler gelesen als ich noch 14 war (bin mittlerweile 15) und habe nie etwas, was in dem Buch passiert ist (und es ist wirklich einiges passiert) in irgendeiner Weise verherrlicht sondern es stets aus einer gewissen Distanz betrachtet. Jeder sollte selbst wissen, ob er Fiktion und Realität auseinanderhalten kann, auch 14-Jährige (die dies in den meisten Fällen durchaus können).

    Ganz liebe Grüße!

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  2. Eine wunderbare Rezension zu einem wirklich wunderbaren - oder im wahrsten Sinne des Wortes märchenhaften - Buch.

    Ich finde es immer wieder spannend, zu lesen, was andere Leser über die Bücher denken, die ich beim Lesen geliebt habe. So auch hier. Ich fand nämlich gerade die Märchenszenen super und vor allem inspirierend. Vieles, was in Abels Märchen angesprochen wird, hat mich seitdem nicht mehr loslassen wollen.

    Mit dieser einen handgreiflichen Szene ging es mir auch genau andersherum. Ich hatte sie kurz vor dem Schlafengehen gelesen und musste dann uuunbedingt noch ein Kapitel mehr lesen, um den Abend nicht mit dieser Szene enden zu lassen! :D

    Mit der Altersempfehlung tue ich mich genauso schwer. Unter 16 hätte ich es auch nicht empfohlen, wenn ich noch in der Buchhandlung stehen und Bücher verkaufen würde.

    Liebe Grüße,
    Moena

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  3. Eine sehr schöne Rezension. Ich habe eine ähnliche Meinung von dem Buch. Und ja, ich bin auch der Meinung, dass man nicht nur schöne Seiten zeigen sollte in der Literatur und ich fand es auch sehr interessant, in diesem Buch mal eine andere Sicht auf einen (potentiellen) Mörder zu bekommen.
    Ich mochte das Buch auch sehr, bis zu dem, was nach dieser handgreiflichen Szene passiert ist. Denn ab da konnte ich Annas Handlung nur noch schwer nachvollziehen. Aber vielleicht bin ich auch zu verklemmt (?), ich weiß es nicht. Ich fand es nur absolut unverständlich, wie es danach eben weiterging :/

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  4. Wow... das Buch hört sich echt gut an! Wenn sich mein SUB nicht so schrecklich hoch wäre, würde das Buch wahrscheinlich in den nächsten Tagen auf meinem Nachttisch liegen, aber zuvor muss ich noch die anderen - vielen anderen - Bücher lesen ^^" dennoch! So hat man wieder "Vorfreude" und liest die noch zu lesenden Bücher noch enthusiastischer, als man es sonst schon tun würde ^^

    Wünsche Dir ein tolles Wochenende!
    Hinterlasse liebe Grüße!
    Monsieur Espoir

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  5. eine wirklich sehr tolle rezension, zu einem buch, dass ich seit einer ganzen zeit umschleiche. im wahrsten sinne des wortes. :'D aber bis es nicht als taschenbuch erhältlich ist, wird es wohl noch warten müssen.
    in jedem fall schildert deine rezension deutlich, wie wunderbar dieses buch sein muss. :) ich war richtig begeistert und würde es am liebsten direkt lesen. :)
    vielen lieben dank für diese ermunderte rückmeldung, dass buch zu lesen. :)
    liebste grüße!

    killthesilencce.blogspot.com

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  6. Eigentlich wollte ich ja erstmal keine Bücher mehr auf meine Wunschliste schreiben...aber dieses kommt dann doch drauf, weil ich schon einige gute Rezensionen dazu gelesen habe.

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  7. @alle: sorry, dass ich erst so spät antworte! Die letzten Tage ginen ein bisschen drunter und drüber bei mir, weswegen der Blog etwas leiden musste :-( Aber jetzt bin ich wieder da!

    @Bewohnerin des Nirgendwo: Danke :-) Das mit der Altersempfehlung ist immer so eine Sache. Ich glaube dir sofort, dass du keine Probleme damit hattest, den "Märchenerzähler" so zu verstehen, wie er gemeint ist. Allerdings liest du auch viel, schreibst einen Bücherblog und setzt dich mit dem Gelesenen viel auseinander (unter uns: ich hätte dich locker drei Jahre älter geschätzt nach dem, wie du deinen Blog und deine Kommentare schreibst!) Aber ich glaube immer noch, dass viele 14-Jährige dieses Buch nicht so differenziert lesen können...

    @Moena: Die Bilder des Märchens spuken mir teilweise auch noch im Kopf herum, das Buch ist halt schon etwas besonderes <3 Diese eine Szene hat es wirklich in sich und ich bin mir immer noch nicht sicher, was die Autorin damit bezweckt hat. Es schockiert und lädt zum Nachdenken ein, aber so unkommentiert möchte ich darüber eigentlich nicht lesen... ich bin froh, dass ich es nicht direkt vor dem Schlafengehen gelesen habe, da hätte ich mich wahrscheinlich auch mit dem nächsten Kapitel "abgelenkt" :-)

    @captian cow: Ja, ab der besagten Szene konnte ich Annas Verhalten auch nicht mehr verstehen, habe eher kopfschüttelnd weiter verfolgt, was da passieret ist. Ich hätte mir etwas Hilfe für Anna von der Autorin gewünscht... eben, dass es nicht so im Raum stehen bleibt. Verklemmt finde ich dich deswegen auf keinen Fall!

    @Monsieur Espoir: Willkommen auf meinem Blog ;-) Ich kenne dein Problem mit den vielen Büchern... und dann bekommt man ständig neue Tipps, was man noch lesen möchte *seufz* Meine Wunschliste ist inzwischen auch bei 160 Büchern angelangt und es werden nicht weniger. Vielleicht behälst du dieses Buch trotzdem im Auge?

    @Faith: ich würde mich auch freuen, wenn mehr Jugendbücher als Taschenbuchausgaben erscheinen würden... Die Hardcover gehen wirklich ins Geld, so dass ich viel aus der Bücherei ausleihe. Vielleicht habt ihr ja auch eine in der Nähe oder du kannst es dir von einer Freundin leihen? Es ist wirklich ein besonderes Buch und ich kann es dir nur ans Herz legen!

    @Lesenegel: Sehr schön! Dann hoffe ich, dass das Buch ganz bald auf deinem Nachttisch liegt ;-)

    Liebste Grüße in alle Richtungen von Eurer Bücherdiebin!

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  8. Das hast du gut beschrieben mit Annas Sichtweise. Genau die hat mich auch total eingenommen und alles, was Anna denkt auch denken lassen, inklusive Verharmlosung von Abels Verhalten. Ist gleichzeitig spannend und erschreckend, was ein Buch so mit einem anstellen kann. Ich bin aber auch deiner Meinung: Literatur darf so was. Wichtig ist, dass man danach darüber nachdenkt und hoffentlich auch jemanden zum Reden hat.

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    1. Hallo Miss Bookiverse, vielen Dank! Bei dem Buch scheiden sich, glaube ich, die Geister... Ich kann auch genauso gut die negativen Stimmen nachvollziehen, aber mich hat das Buch einfach in seinen Bann gezogen <3

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