Sonntag, 9. Oktober 2011

[Rezension] Kazuo Ishiguro
- Alles, was wir geben mussten

 Hold me and never - never - never let me go

"Im Laufe der Jahre hat es immer wieder Phasen gegeben, in denen ich Hailsham zu vergessen versuchte und mir vornahm, nicht so oft zurückzublicken. Bis ich an den Punkt gelangte, wo ich aufhörte, dieser Versuchung zu widerstehen. Es hing mit jenem Spender zusammen, für den ich in meinem dritten Jahr als Betreuerin zuständig war; mit seiner Reaktion, als ich erwähnte, ich stamme aus Hailsham. Er hatte gerade seine dritte Spende hinter sich, sie war nicht gut verlaufen, und er muss gewusst haben, dass ihm nicht mehr viel Zeit blieb. Er konnte kaum atmen, aber er sah mich an und sagte: "Hailsham. Ich wette, es war schön dort.""


Noch Jahre später kreisen Kathys Gedanken um Hailsham, dem in lieblicher Hügellandschaft gelegenen Schulheim, in dem sie und die anderen ihre Kindheit zugebracht hatten. Eine heile Welt, in der eine fröhliche Kinderschar zur „Kreativität“ angeleitet werden soll. Doch bald tauchen erste Schatten auf. Wozu die Aufseher? Warum ist von späteren „Spendern“ die Rede? Und was hat es mit jener eleganten „Madame“ auf sich, die aus dem Nichts auftaucht, um die besten künstlerischen Arbeiten der Zöglinge für ihre Galerie abzuholen. Galerie? Jeder weiß davon, keiner hat sie jemals zu Gesicht bekommen. Nur eine weitere Merkwürdigkeit in der abgeschotteten Welt von Hailsham. Wir werden noch viele davon kennenlernen!

In der Dystopie "Alles, was wir geben mussten" bekommt es der Leser mit einem sehr interessanten Setting zu tun. Wir lernen die drei Kinder Kathy, Tommy und Ruth kennen, die - anscheinend heimatlos - in einem Internat zusammen mit anderen außergewöhnlichen Kindern leben und aufwachsen. Zunächst weiß man nicht so recht, worauf die Geschichte in dieser idyllischen Welt mit ihren kleinen Ungereimtheiten eigentlich hinauslaufen soll; doch bald ist klar, dass es mehr mit den "Spendern" - so werden alle Kinder in Hailsham genannt - auf sich haben muss.
Berichtet wird rückblickend aus der Sicht von Ruth, die sich als Betreuerin um bestimmte Spender kümmert und wohl bald selbst Spenderin werden soll. Das Buch ist in drei Abschnitte gegliedert, die zeitlich aufeinander folgen. Es wird jeweils ein Lebensabschnitt der "Kollegiaten" gezeigt, aber dazwischen springt Ich-Erzählerin Kathy immer wieder zu vergangenen oder zukünftigen Ereignissen. Im späteren Verlauf des Buches werden diese einzelnen Episoden oft wieder aufgenommen, so dass man gut am Ball bleiben sollte, da es sonst etwas verwirrend sein kann.

Schon bald merkt man, dass die Charaktere - auch über das Kindesalter hinaus - sehr naiv mit ihrer Situation umgehen; sie reflektieren kaum über ihr Leben oder wie sie ihrem schrecklichen Schicksal entfliehen könnten. Einerseits ist dieses Verhalten sehr interessant, weil der Leser begreift, dass sie es nie anders gewohnt waren und ihre Situation so akzeptieren, wie sie ist, andererseits möchte man die jungen Leute immer wieder an den Schultern rütteln und sie anschreien: "Tut doch endlich was dagegen!"
Die Handlung plätschert eher vor sich hin und berichtet von - scheinbar unzusammenhängenden - banalen Ereignissen. Es geht zunächst mehr um die Charakterentwicklung als um wirkliche Taten. Dabei sind mir die Hauptcharaktere Kathy, Ruth und Tommy sehr ans Herz gewachsen, auch wenn sie alle drei ihre Fehler haben - doch diese empfand ich unter den Umständen, unter denen sie aufwachsen, noch vergleichsweise harmlos. Der Großteil der Spannung des Buches kommt daher, dass man sich ständig fragt, wie es zu dem Leben kommen konnte, das die drei nun führen. Die Wahrheit über die furchtbare Bestimmung der Kinder wird nur allmählich enthüllt - vorsichtig tastet sich der Leser mit immer mehr Einzelheiten an sie heran. Überhaupt wird die ganze Situation sehr unkritisch betrachtet: Kazuo Ishiguro lässt seine Kathy einfach berichten, ohne in irgendeiner Weise zu werten. Das machte für mich erst richtig den Schrecken beim Lesen aus: Die Kollegiaten scheinen ihre Bestimmung einfach zu akzeptieren, während sonst alle die Augen davor verschließen.

Rein technisch gesehen sind viele Situationen aus dem Buch noch gar nicht möglich, aber wir befinden uns mit der heutigen Medizin schon längst auf dem Weg dorthin - was den Schrecken dieser Dystopie nur noch mehr verdeutlicht. Im Buch werden keinerlei technische Dinge geklärt, die Situation ist eben so, wie sie ist. Als Leser muss man sich überhaupt damit abfinden, dass man in "Alles, was wir geben mussten" kaum Erklärungen bekommt. Viele werden das Buch aus diesem Grund als langweilig bezeichnen, ich für meinen Teil kam aber sehr gut mit dieser naiven Erzählweise zurecht - konnte ich mir so doch am besten eine eigene Meinung über diesen "Fortschritt" bilden. 

Ein subtiles Buch, das seinen Charme erst langsam entfaltet und seinen Leser schließlich schockiert und nachdenklich zurücklässt. 8 von 10 Bücherdiebinnen!



Im April kam auch eine Verfilmung des Buches in die Kinos. Hier der Trailer dazu - vielleicht macht er euch ja Lust auf das Buch?! Mir gefällt er sehr gut und ich bin schon gespannt auf den Film, den ich mir natürlich demnächst noch anschauen werde:

Kommentare:

  1. danke für die rezension! :)
    ich habe letztens den trailer gezeigt bekommen, will aber - wie immer - zuerst das buch lesen. da ich aber sehr viel bücher die gelesen werden müssen daliegen habe war ich mir nicht sicher ob es sich lohnt das buch zu lesen. aber ich vertraue jetzt einfach mal deiner wirklich guten kritik. :)
    wäre es möglich auch eine filmkritik zu schreiben, du den film gucken? :) so vom vergleich her oder irgendetwas in der art? :) nur eine frage bzw. bitte. ;)
    liebe grüße.

    killthesilencce.blogspot.com

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  2. Das Buch werde ich irgendwann noch lesen, bisher habe ich nur den Film geschaut - den ich echt richtig schlimm fand. Langeweilig, Andrew Garfield hat mir gar nicht gefallen und dass man halt keinerlei Erklärungen bekommt, hat mich total genervt. Und wenn das im Buch auch so ist, dann ist es vielleicht eher nix für mich...Nun ja, mal sehen. Schöne Rezension auf jeden Fall! :)

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  3. @Faith: Dankeschön ;) Wenn du damit klar kommst, dass das Buch sehr ruhig geschrieben ist und es mehr um die Charaktere geht als um Action, dann wirst du sicherlich zufrieden sein! Mir hat's echt gut gefallen.
    Und zu deiner Anregung: Ich hab ja sogar eine Mini-Rubrik hier auf dem Blog zu Literaturverfilmungen... da würd ich gern auch demnächst "Alles, was wir geben mussten" besprechen - noch hab ich den Film allerdings gar nicht hier, kann also ein bisschen dauern :-)

    @Sonne: Oh je, ich hab gerade mal deine Filmkritik gelesen... scheint ja nicht so der Hammer zu sein :) Im Buch hat es mich überhaupt nicht gestört, dass es so wenig Erklärungen gab, wie es im Film ist, weiß ich natürlich (noch) nicht. Aber wenn dir der Aspekt schon nicht gefallen hat, dann wird das Buch wohl eher nichts für dich sein. Habe auch schon einige Rezensionen gelesen, die genau das am Buch bemängeln, was dir am Film nicht gefallen hat. Tja, Geschmacksache halt :)

    Liebe Grüße von Eurer Bücherdiebin!

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  4. Ich fand das Buch auch wirklich gut, die einzelnen Charaktere sind sehr interessant. Ich kann dir nur zustimmen, dass man sie manchmal ab liebsten anschreien wollte, damit sie endliche etwas unternehmen. Aber dieses Ruhige der Handlung macht eben gerade den Charme des Buchs aus und lässt diese Zukunftsvision tatsächlich nur umso erschreckender wirken, da alles einfach so hingenommen wird. Die fehlenden Erklärungen haben mich dabei gar nicht mal gestört, da man so als Leser die Möglichkeit erhält, sich selbst Gedanken zu machen.

    Den Film habe ich auch schon gesehen und finde die Charaktere sehr gut besetzt und überzeugend. Sicherlich wirkt die ruhige Handlung im Film schon auf Dauer etwas langatmiger als im Buch und vor allem hat es mir nicht gefallen, das im Film nicht auf das Lied "Never let me go" eingegangen wird, dass in Bezug auf Kathy nun wirklich eine entscheidende Rolle spielt. Trotzdem fand ich den Film gut und er lässt einen wie das Buch sehr nachdenklich zurück.

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  5. 8 von 10 ist doch echt nicht schlecht..! Hört sich auf jedenfall sehr interessant an. Es schien auf jeden Fall so gut gewesen zu sein, dass es verfilmt wurde. Würde das Buch dann aber auch vor dem Film lesen-klingt sehr interessant!

    LG
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  6. @Lisa: Wie?? Die haben "Never let me go" gestrichen? Ohne das macht der Titel des Films (im Englischen) doch gar keinen Sinn mehr :-( Naja, ich bin auf jeden Fall seeehr gespannt auf die Umsetzung! Kann mir vorstellen, dass die ruhige Handlung im Film etwas langweilig daherkommt. Im Buch hat mich das auch überhaupt nicht gestört... aber wenn im Film erstmal gar nichts passiert.... ich werd ihn mir auf jeden Fall demnächst anschauen und dann berichten!

    @Ayanea: 8 von 10 Diebinnen sind bei mir ja quasi schon Höchstwertung - mehr kriegen wirklich nur ganz besondere Bücher ;-) Ich kann es dir auf jeden Fall empfehlen - sofern du etwas mit so "ruhigen" Büchern anfangen kannst! Und ja: ich lese auch immer zuerst das Buch, bevor ich mir den Film dazu anschaue :-)

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  7. Leider habe ich den Film nicht gesehen und das Buch leider auch noch nicht gelesen. Deine schön geschriebene Rezension macht mich neugierig.

    LG, Tanja

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  8. Ja, das Lied kommt nicht (oder wenn dann irgendwie anders) vor. Ich hab das Buch erst nach dem Film gelesen und konnte mich beim Lesen nicht erinnern, dass das Lied im Film vorkam. Auch Kathys sexuelle Erfahrungen werden im Film z.B. nicht thematisiert. Trotzdem finde ich den Film nicht schlecht, vor allem wegen Carey Mulligan, die meiner Meinung nach eine sehr gute Schauspielerin ist.

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  9. Oh Mann, so viele Leute haben mir dieses Buch bisher schon empfohlen und etwas wirklich Schlechtes hab ich darüber auch noch nicht gelesen. Wird wohl langsam Zeit, dass ich mir das mal beschaffe und lese, aber irgendwie finde ich momentan nicht die richtige Motivation das zu machen. Na, ich les erstmal noch andere Bücher und irgendwann werden das Buch und ich schon zusammentreffen :P

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  10. @Lisa: Carey Mulligan kenne ich bisher noch gar nicht aus anderen Filmen... ich lass mich mal überraschen! Und klar, bei Literaturverfilmungen können nie alle Aspekte eines Buches berücksichtigt werden - aber die wesentlichen Sachen sollten schon drin sein.

    @captian cow: Manchmal ist einfach nicht die richtige Zeit für ein bestimmtes Buch, auch wenn alle anderen es ganz toll finden. Stress dich nicht, "Alles, was wir geben mussten" kommt bestimmt von ganz allein zu dir, wenn es denn sein soll ;-)

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  11. @Tanja: freut mich, dass ich dich neugierig machen konnte! Mir hat das Buch sehr gut gefallen - und ich hoffe, der Film wird mich ebenfalls überzeugen. Also kann ich dir nur raten: Lies es!

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  12. Ich habe das Buch im Englisch Unterricht lesen müssen und es war wohl eines der ersten Schulbücher, das mir gefallen hat. Die Geschichte hat mich total traurig gestimmt :(
    Habe den Film leider noch nicht gesehen, wollte das aber bald nachholen.
    Tolle Rezi auf jeden Fall!

    Liebe Grüße,
    Sanny


    PS: Toller Blog - gefällt mir sehr gut :)

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  13. Hallo sanny,
    vielen Dank für dein Lob! Freue mich immer sehr, wenn euch mein Blog oder meine Rezis gefallen ;-)
    Das Buch ist wirklich klasse, da hast du echt einen tollen Lehrer erwischt, wenn ihr es im Unterricht lesen durftet!
    Lieben Gruß von deiner Bücherdiebin

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  14. Huch, ich hab mich grad wirklich gewundert, warum ich bisher keine regelmäßige Leserin war, obwohl ich oft genug vorbeigeschaut habe. Naja, das hab ich schnell geändert :-)

    Das Buch habe ich auch wenige Tage vor dir gelesen und dein Eindruck deckt sich sehr mit meinem. Ich konnte auch nicht nachvollziehen, warum die Kinder nicht gegen ihr Schicksal rebelliert haben.
    Den Film werde ich mir übrigens auch bald ansehen.

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  15. Mensch Friedelchen, du warst noch keine Leserin bei mir?? Wär ich jetzt auch fest von ausgegangen, so oft wie ich dich schon hier gesehen habe ;-)
    Den Film hab ich inzwischen sogar hier, vielleicht schaff ich es in den nächsten Tagen ihn zu gucken, solange die Erinnerung an das Buch noch so frisch ist :-)
    Liebe Grüße

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  16. Übrigens wenn dir das hier gefallen hat, kann ich dir "Die Entbehrlichen" nur empfehlen, das hat mir fast noch besser gefallen.

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