Montag, 19. September 2011

[Rezension] Simon Lelic - Ein toter Lehrer

Irgendwer ist ausgetickt. Bei der Versammlung. In der Aula. Hat um sich geballtert.

"Der erste Knall musste gewirkt haben wie ein Ziegelstein, der eine Glasscheibe zerschmettert. Die Stille im Saal musste zersplittert und einer jähen, durchdringenden Panik gewichen sein. Die Kinder waren auseinandergestoßen, hatten geschrien. Er hatte sicher versucht, ruhig zu bleiben und sein Opfer erneut ins Visier zu nehmen. Wieder hatte er geschossen und wieder hatte er sein Ziel verfehlt. [...]
Die Waffe war ein Museumsstück, keine Halbautomatik. Sie war in schlechtem Zustand. Dass er damit fünf Menschen umgebracht hatte, fünf Menschen mit sechs Kugeln, grenzte in gewisser Weise an ein Wunder. Es war die schlimmste Art von Glück."


Schulversammlung in der drückenden Hitze eines Londoner Sommers. Der Geschichtslehrer Samuel Szajkowski betritt die Aula – und eröffnet das Feuer: Drei Schüler und eine Lehrerin sterben, dann richtet er sich selbst. Auf Druck von oben soll die junge Ermittlerin Lucia May den Fall schnellstmöglich abschließen, doch sie bohrt tiefer – und bringt damit Unvorstellbares ans Licht …

Was mir an dem Buch sofort positiv aufgefallen ist und sehr heraussticht, ist die Erzählweise: Der Leser "hört" quasi die Mitschnitte aller Zeugenbefragungen, die Ermittlerin Lucia nach dem Amoklauf mit Schülern, Lehrern, Eltern und anderen Beteiligten geführt hat. Dabei sind allerdings nur die Antworten der Befragten zu hören, nicht die Fragen von Lucia. Diese muss man sich beim Lesen erschließen - genauso wie die Tatsache, wer eigentlich gerade befragt wird. So ist der Leser immer wieder gefordert, mitzudenken und sich die offenen Stellen zusammenzureimen. Das Ganze artet aber nicht - wie man jetzt vielleicht vermuten könnte - in eine Rästelei aus, sondern erhöht vielmehr die Aufmerksamkeit des Lesers für die kleinen Details der Geschichte (in den Zeugenaussagen werden oftmals weitere Ereignisse angedeutet, die von den anderen Personen schließlich näher ausgeführt oder aus einer ganz anderen Sicht gedeutet werden). Das hat das Buch für mich sehr spannend gemacht!
Ergänzend zu diesen Zeugenaussagen werden die aktuellen Geschehnisse rund um Ermittlerin Lucia, ihren Berufsalltag und ihr Privatleben geschildert. Dabei lernt sie auch den kleinen Elliot kennen, der kurz vor dem Amoklauf in eine Schlägerei verwickelt wurde und nun völlig verstört im Krankenhaus gelandet ist. Die große Frage, die Lucia und auch den Leser bald beschäftigt, ist: Gibt es einen Zusammenhang zwischen diesen Ereignissen?

Das allgegenwärtige Thema des Buches, was in drei Varianten aufgegriffen wird, ist Mobbing. Schon früh erfährt der Leser, dass Samuel Szajkowski, bevor es zum Amoklauf kam, von allen Seiten gemobbt wurde. Der kleine Elliot wurde ebenfalls von seinen Mitschülern schikaniert und sogar Ermittlerin Lucia wird von ihren Kollegen gepeinigt und muss sich immer wieder vor den Anzüglichkeiten ihrer männlichen Kollegen wappnen.
Was mir allerdings nicht gefallen hat, war die Art, wie die verschiedenen Personen mit Mobbing umgehen - es schien nur Flucht oder Tod als Ausweg möglich zu sein; eine wirkliche Auseinandersetzung mit den Verantwortlichen gab es leider in keinem der drei Fälle. Sollte ein Buch dies nicht genauer hinterfragen? Sollte es nicht nach Lösungsmöglichkeiten oder -ansätzen suchen? So schien für mich die Aussage des Buches absolut hoffnungslos. 
Selbst die Art, in welchem Licht letztendlich der "tote Lehrer", der Amokläufer, steht, konnte mich nicht überzeugen. Das Buch versuchte, für ihn eine Art Mitleid oder sogar Verständnis beim Leser zu wecken, womit es bei mir aber auf taube Ohren gestoßen ist. Sicher hatte der Lehrer seine Gründe, aber für mich rechtfertigt kein Grund der Welt eine solch schreckliche Tat, bei der vier Menschenleben ausgelöscht und viele weitere Unschuldige ein Leben lang traumatisiert werden. Daher war ich auch mit dem Ausgang der Geschichte nicht wirklich zufrieden - die letzte Konsequenz, die nur noch angedeutet wird, schien für mich direkt zum Scheitern verurteilt.

Dieses Buch hat mich trotz aller Kritikpunkte sehr nachdenklich zurückgelassen. Es ist sicher gut, sich auf diese Weise einmal genauer mit dem Thema Mobbing auseinander zu setzen, denn das Buch zeigt auch, dass Mobbing überall passieren kann und oft im Kleinen - mit einem angeblichen "Spaß" - beginnt, aber schnell große Folgen für die Betroffenen haben kann.

Ein eher psychologischer Thriller, der mit seiner Erzählweise und dem Thema brilliert, mich aber mit der Auflösung der eigentlichen Geschichte nicht ganz überzeugen konnte. 6 von 10 Bücherdiebinnen!

Kommentare:

  1. Klingt eigentlich ganz gut :) Da mich die von dir genannten Kritikpunkte weniger stören werde ich mir mal einen Kauf überlegen :)

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  2. Ich glaube auch, dass ich mir das Buch früher oder später kaufen werde. Psychologie und neuartige Erzähltechniken find ich super. Tolle Rezension.

    LG Rekymanto

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  3. Hey ihr zwei,
    schön, dass ich euch ein Buch empfehlen konnte! Das Buch ist auch wirklich super geschrieben und was zumindest mich gestört hat, wisst ihr ja jetzt :-) Wenn ihr damit leben könnt, habt ihr bestimmt viel Spaß (darf man das bei einem Thriller sagen?) mit dem Buch!
    Liebe Grüße von Eurer Bücherdiebin

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  4. Liebe Bücherdieben,
    in dem Buch werden nicht so oft Brote geschmiert, dass sie den Inhalt des Buches im großen Maße widerspiegeln. Ich selbst bevorzuge das deutsche Cover – denn im Gegensatz zu dem Originalcover, welches wirklich nichts neues in der heutigen Buchszene ist, ist das deutsche Cover mal was anderes. Das deutsche Cover schreckt den ein oder anderen auf den ersten Blick vielleicht ab, weil sich jeder wohl oder übel fragt, welche Bedeutung ein Butterbrot wohl in einer Geschichte spielen muss, damit es als Model fürs Cover herhält. Wie gesagt, an das Cover gewöhnt man sich mit der Zeit und ich selbst muss ehrlich gestehen, dass als ich das Buch geschlossen habe (nachdem ich es ausgelesen habe) und dann das Cover betrachtet habe feststellen musste, dass das Cover zu der Stimmung im Buch passt. Das Cover spiegelt meiner Meinung einfach nur das Gewöhnliche dar, das Alltägliche. Nur ist das Gewöhnliche und Alltägliche in dieser Geschichte von jetzt auf gleich anders und ich nehme mal an auch das Butterbrot schmeckt in dem Sinne anders. Zu philosophieren und Roman schreiben wollte ich jetzt nicht anfangen, jedoch hoffe ich, dass du dem Buch eine Chance gibst – auch mit Butterbrotcover. Denn hinter diesem Buchdeckel versteckt sich so viel mehr als nur ein Butterbrot.

    (Falls du dich wirklich nicht überwinden kannst das Buch zu kaufen, kannst du es dir ja in der Bücherrei ausleihen!)

    Herzliche Grüße,
    X

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