Freitag, 16. September 2011

[Rezension] David Nicholls - Zwei an einem Tag

»Gerade stelle ich mir dich mit 40 vor!«

"Im Badezimmer wischte sich Emma Morley die Zahnpasta-Halbmonde aus den Mundwinkeln und fragte sich, ob das alles nicht ein schrecklicher Fehler war. Nach vierjähriger romantischer Durststrecke war sie endlich, endlich mit jemandem im Bett gelandet, den sie wirklich mochte, auf Anhieb gemocht hatte, seit sie ihn 1984 auf einer Party zum ersten Mal gesehen hatte, doch in ein paar Stunden würde er weg sein. Wahrscheinlich für immer."


Es ist der 15. Juli 1988, und Emma und Dexter, beide Anfang zwanzig, haben sich gerade bei ihrer Abschlussfeier kennengelernt und die Nacht zusammen durchgemacht. Am nächsten Morgen gehen beide ihrer Wege. Wo werden Sie an genau diesem Tag ein Jahr später stehen? Und wo in den zwanzig darauffolgenden Jahren? Werden sich die beiden, die einander niemals vergessen können, weiterhin immer gerade knapp verpassen?

Erst einmal muss ich sagen, dass ich die Grundidee des Buches, zwei Menschen über zwanzig Jahre lang immer an einem Tag des Jahres zu begleiten, abolut genial finde! Dass mit dieser Idee sogar eine Liebesgeschichte verbunden ist, die sich erst über die Jahre entwickelt, machte das Buch für mich nur noch interessanter. Leider jedoch wird diese Idee nicht konsequent durchgehalten, denn Emma und Dexter sehen (und verpassen) sich auch an den vielen anderen Tagen des Jahres - ich dachte im Vorfeld, dass sie sich wirklich immer nur an diesem einen Tag sehen (oder etwas anderes Wichtiges in ihrem Leben passieren würde), doch dem ist nicht so; zwischenzeitlich bauen sie sogar eine richtige Freundschaft mit regelmäßigen Treffen auf - so dass für mich an diesen Stellen nicht ganz klar war, was denn nun am diesem bestimmten 15. Juli so besonders sein sollte.

Der Schreibstil des Buches ist ganz wunderbar, es wird abwechselnd mit Blick auf Emmas und Dexters Leben berichtet, wobei zwischendurch auch einige Nebenfiguren in den Vordergrund rücken. Nie wird nur der Fokus auf eine Person gerichtet, sondern immer beider Entwicklung im Auge behalten. Emma ist eine sehr symphatische Figur. Sie mag zwar etwas dem Stereotyp der planlosen Theaterwissenschafterin und zurückhaltenden Autorin entsprechen, aber immer, wenn aus ihrer Sicht berichtet wurde, habe ich gerne über ihre Entwicklung gelesen. Sie mausert sich zu einer ganz hinreißenden, liebenswerten Person, mit der man sich beim Lesen gerne identifiziert. Ganz anders ging mir dies leider bei Dexter, mit dem ich das ganze Buch über nicht richtig warm wurde. Zu Beginn ist er schon sehr oberflächlich und wirkt dadurch unsympathisch, doch zunächst vermutet man noch, dass sich dies mit den Jahren legen wird. Dann muss man aber feststellen, dass er, je älter er wird, immer weitere seiner negativen Charakterzüge offenbart. Erst ganz zum Schluss kriegt er die Kurve, erlangt Einsicht über sein miserables Verhalten und gewinnt an Sympathie - für mich leider deutlich zu spät.

Ein großes Manko ist der Ausgang der Liebesgeschichte zwischen "Dex und Em, Em und Dex", wie es immer wieder heißt. Ich werde euch zwar nicht das Ende verraten, kann aber auch nicht ganz ohne Spoiler darüber reden (also den folgenden Text bitte nur lesen, wenn ihr das Buch schon kennt - dafür einfach den Text markieren:) Auf den letzten 50 Seiten - wenn man denkt, jetzt kriegen sich die beiden endlich - wird noch einmal die gesamte Geschichte umgeworfen und David Nicholls stößt seinen Lesern gehörig vor den Kopf: Nach so vielen Jahren des Aneinander-vorbei-lebens und der rein platonischen Freundschaft ziwschen den beiden, denen immer wieder Steine in den Weg gelegt werden, wünscht man sich endlich eine glückliche Zukunft für Emma und Dexter. Doch David Nicholls hatte offenbar größeres mit ihnen vor und beendet ihre gemeinsame Geschichte auf radikale Weise - in meinen Augen völlig unnötig und der Geschichte nicht zuträglich. Dass ganz am Ende nochmal ein Rückblick geworfen wird, was am "Tag danach" nach der ersten gemeinsamen Nacht passiert, fand ich dagegen wieder sehr gut, doch konnte mich dies leider nicht mit dem eigentlichen Ende der Liebesgeschichte aussöhnen. Schade!

Trotz all dieser negativen Kritik, isr "Zwei an einem Tag" beileibe kein schlechtes Buch. Der Schreibstil insgesamt hat mir gut gefallen, und, wie gesagt, auch die Grundidee, immer nur von einem Tag zu berichten. So konnte man die beiden Protagonisten - anders als in den meisten Büchern, die nur in einem kurzem Zeitraum spielen - über viele Jahre begleiten und ihre Entwicklung förmlich spüren. Den großen Jubel, in den viele Rezensenten um dieses Buch verfallen sind, kann ich aber nicht nachvollziehen, dafür gab es in meinen Augen einfach zu viele Mankos an dieser tollen Idee. Aber vielleicht waren - wie so oft bei so hochgelobten Büchern - meine Erwartungen auch einfach etwas zu hoch...

Eine grandiose Idee, die leider nicht ganz zufriedenstellend umgesetzt wurde. 
7 von 10 Bücherdiebinnen!

 


Ein letztes Manko finde ich noch an dem Buch: und zwar das Cover. Die Grundidee, die Umrisse zweier Gesichter abzubilden, gefällt mir eigentlich sehr gut, aber das orange - ich muss es gestehen - finde ich mehr als gruselig. Wenn ihr das Buch noch nicht habt, so würde ich euch doch die Weltbild-Ausgabe ans Herz legen. Ganz optimal finde ich auch dieses Cover nicht, doch gefällt mir das Blau wesentlich besser und auch die kleinen verspielten Details wie die Schmetterlinge, Emmas Kussmund und ihre wilden Locken finde ich ganz hübsch!

Und eines muss ich euch natürlich noch näher bringen (wahrscheinlich wissen es sowieso schon alle, aber egal *lach*): Das Buch wurde ganz aktuell verfilmt und soll im November in die deutschen Kinos kommen. Emma wird von Anne Hathaway gespielt (die sehe ich sehr gerne und freue mich schon richtig auf sie!) und Dexter von Jim Sturgess (ihn kenne ich bisher nur aus diesem Kartenspieler-Film "21"). Auch wenn ich von dem Buch nicht ganz überzeugt war, werde ich mir den Film dann sicher anschauen! Hier der Trailer für euch:

Kommentare:

  1. Ich schließe mich deiner Meinung voll und ganz an! Ich habe es schon in den Kommentaren einer anderen Rezension erwähnt und werde es hier auch noch einmal tun: Ich fand das Ende grausam. Wirklich. Ich fand das mit dem Rückblick wirklich schön, aber ich hätte mir sogar lieber ein offenes Ende gewünscht als dieses (Inklusive Rückblick wenn es möglich gewesen wäre, weil ich den wirklich schön fand). Aber naja, meine Aufregung darüber liegt jetzt auch schon ein wenig zurück, aber ansonsten war ich wirklich begeistert von dem Buch. Nur manchmal war das Hin- und Her doch ein wenig nervig.

    X

    AntwortenLöschen
  2. sehr schöne Rezension! Ich fand das Buch eher durchschnittlich und das Ende auch nicht so recht passend. Aber nun nach einem halben Jahr ist mir ein wenig der Sinn dahinter bewusst geworden: Das Leben ist doch tatsächlich so unvorhersehbar und wie viel mehr Zeit hätten die beiden doch haben können wenn sie nicht nur dauernd aneiander vorbei gelebt hätten...

    AntwortenLöschen
  3. @X: Ja, das Ende ist wirklich grausam, da stimme ich dir zu! Ich hatte es mit im Urlaub und habe eine schöne Liebesgeschichte erwartet... und dann sowas ;-( Meiner Meinung nach hätte man die letzten 50 Seiten einfach streichen können, dann wäre ich sehr glücklich mit dem Buch gewesen...

    @dyabollo: ein schöner Gedanke! Manchmal hätte ich den beiden auch in den Hintern treten mögen, damit sie endlich zueinander finden... so viele Jahre, die sie einfach verstreichen ließen :-(
    Das Ende ist natürlich schon realistisch, trotzdem hat es mich sehr unbefriedigt zurückgelassen - ich habe mir einfach etwas Besseres für die beiden erhofft...

    @Sandrina: dankeschön ;)

    AntwortenLöschen
  4. hi^^ eratmal danke, dass du bei mir leser geworden bist^^
    Ein riesen Lob an dei Design, es ist der Hammer!
    Und die rezi ist auch super, besonders der Spoiler^^
    Mach weiter so

    AntwortenLöschen
  5. Hallo Kate, vielen Dank für deine lieben Worte! Schön, dass du auch bei mir Leserin geworden bist ;-)
    Liebe Grüße von deiner Bücherdiebin!

    AntwortenLöschen
  6. Wenn die die Grundidee eines Buches nicht konsequent durchgehalten wird und dadurch eventuell sogar eigene Erwartungen enttäuscht werden, ist das schon eine blöde Sache – ähnlich wie dir bei diesem Buch geht es mir im Moment mit „Elementarteilchen“; mache Bücher verschwenden ihr Potential... Aber eine tolle Rezension hast du geschrieben!

    LG Rekymanto

    AntwortenLöschen
  7. @Rekymanto: Dankeschön ;-) Ich glaube, ich weiß, was du meinst: An viele Bücher geht man oft mit einer bestimmten Erwartungshaltung dran, weil man in ihnen ein gewisses Potential sieht... werden die Erwartungen dann nicht erfüllt, ist man oft enttäuscht, kann sich gar nicht richtig auf die geschriebene Handlung einlassen - so geht es mir zumindest oft!
    Ich wünsche dir noch viel Erfolg mit "Elementarteilchen", vielleicht wird es ja noch?!
    Liebe Grüße von deiner Bücherdiebin!

    AntwortenLöschen
  8. Nach der Rezension (ich habe die Spoiler nicht markiert) freue ich mich schon auf das Ende um zu sehen ob es wirklich so schrecklich ist, ich lese das Buch nämlich gerade. Und das Cover ist wirklich furchtbar, die Film-Variante ist aber sehr hübsch.

    AntwortenLöschen
  9. Hey Anni, dann wünsche ich dir viel Spaß mit dem Buch! Die Meinungen über das Ende gehen ja sehr auseinander - bin gespannt, wie du es finden wirst!

    AntwortenLöschen
  10. Hi,
    ich habe das Buch auch schon vor einiger Zeit gelesen und finde es super spannend wie unterschiedlich man Geschichten empfinden kann :-) Die letzten 50 Seiten haben mich eigentlich nicht gestört. Nur fand ich das Buch dann doch teilweise sehr vorhersehbar und dadurch phasenweise etwas langatmig. Trotzdem ist es eine absolute Empfehlung.
    Liebe Grüße
    Pamina

    AntwortenLöschen
  11. Hi Pamina, gerade im Mittelteil empfand ich das Buch manchmal auch langatmig, gerade die Entwicklung von Dexter wird sehr ausgebreitet, finde ich. Aber das bringt wohl die Idee mit sich, wenn man über einen so langen Zeitraum aus jedem Jahr berichten will :-) Schön, dass dir das Buch so gut gefallen hat! Liebe Grüße

    AntwortenLöschen