Sonntag, 7. August 2011

[Rezension] Lauren Oliver - Wenn du stirbst, zieht dein ganzes Leben an dir vorbei, sagen sie

Den Rest müsst ihr selbst herausfinden

"Die meiste Zeit über - 99% der Zeit - weiß man einfach nicht, wie und warum die Fäden miteinander verschlungen sind, und das ist völlig in Ordnung. Man tut was Gutes und es passiert was Schlechtes. Man tut was Schlechtes und es passiert was Gutes. Man tut gar nicht und alles fliegt auseinander. Und ganz, ganz selten, durch ein Wunder aus Zufall und Fügung - Schmetterlinge, die einfach perfekt mit den Flügeln schlagen, und eine Minute lang hängen alle Fäden aneinander - bekommt man die Gelegenheit, das Richtige zu tun." 


Auf "Wenn du stirbst, zieht dein ganzes Leben an dir vorbei, sagen sie" bin ich zunächst durch den wunderbaren und fesselnden Titel aufmerksam geworden. Gelesen habe ich es schließlich, ohne mich vorher weiter um den Inhalt zu erkundigen. Wahrscheinlich ist diese Lesart genau so vom Verlag  gewollt, da der einzige Satz auf der Rückseite des Buches "Den Rest müsst ihr selbst herausfinden" lautet. Doch auf diese Weise erwartete ich ein tiefsinniges All-Age-Buch inklusive einer philosophischen Botschaft, das von Männlein und Weiblein gleichermaßen gelesen werden kann. Dem ist jedoch nur teilweise so! Die Rahmenhandlung besteht nämlich zunächst aus dem ganz normalen Alltag einer Mädchenclique an einer typischen Highschool, inklusive den üblichen Mädchenzickereien, Mobbing, Klatsch und Tratsch, erster Liebe und vielen weiteren Situationen, wie viele Mädels sie vielleicht selbst so oder so ähnlich während der eigenen Schulzeit erlebt haben. Für männliche Leser ist das Buch daher wohl weniger interessant. Warum es trotzdem ein unglaublich spannendes (und auch ein bisschen philosophisches) Buch mit einer ungewohnten Erzählweise ist, das ihr unbedingt lesen solltet, erfahrt ihr jetzt. 

Zunächst die amazon-Beschreibung, damit ihr besser als ich wisst, worauf ihr euch einlasst:
Was wäre, wenn heute dein letzter Tag wäre? Was würdest du tun? Wen würdest du küssen? Und wie weit würdest du gehen, um dein Leben zu retten? Samantha Kingston ist hübsch, beliebt, hat drei enge Freundinnen und den perfekten Freund. Der 12. Februar sollte eigentlich ein Tag werden wie jeder andere in ihrem Leben: mit ihren Freundinnen zur Schule fahren, die sechste Stunde schwänzen, zu Kents Party gehen. Stattdessen ist es ihr letzter Tag. Sie stirbt nach der Party bei einem Autounfall. Und wacht am Morgen desselben Tages wieder auf. Siebenmal ist sie gezwungen diesen Tag wieder und wieder zu durchleben. Und begreift allmählich, dass es nicht darum geht, ihr Leben zu retten. Zumindest nicht so, wie sie dachte ...

Mir fiel es zunächst etwas schwer, mit der Protagonistin Sam warm zu werden, aus deren Sicht die gesamte Geschichte erzählt wird - gehört sie doch zu der grausamen Clique von Mädchen, die den anderen Schülern den Alltag schwer machen. Doch bald wird klar, dass Sam nicht die eigentliche treibende Kraft hinter den vielen Gemeinheiten ist und einen durchaus differenzierteren Blick auf ihre Mitschüler besitzt. Nach ihrem Tod beginnt sie, sich intensiver mit ihrem eigenen Verhalten auseinanderzusetzen und lernt, ihre Fehler einzusehen sowie ihre besten Freundinnen aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten - denn diese sind auch längst nicht so perfekt, wie sie vorgeben zu sein. 

Als besonders interessant empfand ich es, Sams Entwicklung innerhalb der Woche nach ihrem Tod mitzuerleben. Jeden Tag muss sie aufs Neue mit ihrem Tod umgehen, probiert neue Möglichkeiten aus, ihr Schicksal abzuwenden (bei denen sie oft auch ziemlich verzweifelt scheint) und erkennt langsam die größeren zwischenmenschlichen Zusammenhänge. Dieser Reifeprozess, der ja nur innerhalb der sieben Tage stattfindet, wurde in meinen Augen absolut glaubwürdig und nachvollziehbar beschrieben. Sam selbst wurde mir im Laufe der Geschichte auch immer symphatischer.

Die Struktur des Buches wurde ebenfalls sehr gut umgesetzt: Obwohl sieben mal der gleiche Tag durchlebt wird, passieren immer andere Dinge, werden neue Höhen und Tiefen enthüllt, lernt Sam die Erlebnisse anderer Menschen kennen und gewinnt so - zusammen mit dem Leser - ein tieferes Verständnis der einzelnen Beweggründe aller Personen. Auch wenn sieben mal die gleichen Dinge passieren, so passieren sie doch jedes Mal anders, so dass beim Lesen zu keinem Zeitpunkt Langeweile (nach dem Motto "Das kenne ich ja schon!") aufkommt.

Und sicher hat sich jeder selbst schon einmal gefragt, was er anders oder besser machen könnte, wenn er die Chance hätte, einen Tag rückgängig zu machen und nochmal von vorn anzufangen. Dies machte für mich den großen Reiz des Buches aus und erzeugte eine sogartige Spannung - und das, obwohl lediglich der ganz normale Wahnsinn im Alltag einer Schülerin beschrieben wird! So habe ich mich beim Lesen öfter dabei ertappt, wie ich selbst darüber nachgedacht habe, wie man denn die eingefahrenen Situationen, die sich über mehrere Jahre so zugespitzt haben, wieder auflösen könnte.

Das Ende der Geschichte wird den Leser ebenfalls noch lange zum Nachdenken bewegen - denn immer bleibt da diese Frage: was wäre wenn...? - und ob es nicht noch weitere Möglichkeiten geben könnte, den Tag zu beenden. (Achtung Spoiler - bitte nur sichtbar machen, wenn ihr das Buch schon gelesen habt - dafür einfach den Text markieren:) Auch wenn Samantha vielen Leuten - allen voran natürlich Juliet - helfen konnte, so weiß ich nicht, ob sie an ihrem siebten Tag wirklich allen Beteiligten einen Gefallen getan hat: Der arme Kent wäre vielleicht besser dran gewesen, wenn Sam ihm nicht ihre Liebe gestanden hätte, kurz bevor sie stirbt... so hat er schon Jahre auf ihre Zuneigung gehofft, und bekommt sie in dem Moment, in dem alles zu spät ist - das wird seine Trauer um Sams Tod  nicht gerade erleichtern :-( Ansonsten fand ich auch das Ende sehr gut umgesetzt; es ergab sich schlüssig aus dem vorherigen Geschehen, selbst wenn es unglaublich traurig war. 

Ein nachdenklich machendes Jugendbuch, das man - trotz der typischen Highschool-Thematik - nicht verpassen sollte! 8 von 10 Bücherdiebinnen!


Kommentare:

  1. Eine Gute Rezension. Das Buch hab ich mal in der Hand gehabt, hab es dann aber doch nicht gekauft.
    Weiter so ;)

    Lg Kata

    http://zuckerwattenbaum.blogspot.com/

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  2. Liebe Bücherdiebin,

    ich habe das Buch mal angefangen zu lesen und mich hat es aufgrund der "Highschool"-Sprache abgeschreckt, es wirkt alles so aufgesetzt... hält sich das durchs ganze Buch so?
    Ich würde diesem Buch schon gerne noch eine zweite Chance geben, aber irgendwie bin ich mittlerweile sehr distanziert.
    Eine tolle Rezension, aber ich weiß nicht, ob ich es noch einmal versuchen soll...!?!
    Übrigens darfst du meinen Blog auch gerne verlinken (falls du es noch nicht gemacht hast) oder kommen bei deinen Bloggerfreunden nur VIPs rein?

    Liebe Grüße

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  3. Danke für euer Lob ;-)

    @Ballerstedt: Die Sprache hält sich so durch das ganze Buch... wenn dich das abgeschreckt hat, dann weiß ich nicht, ob du bei einem zweiten Versuch mit dem Buch so richtig warm werden wirst. Auch die Themen sind wie gesagt auf Highschool-Niveau - dem sollte man sich bewusst sein, bevor man das Buch liest.
    Mich hat das alles weniger gestört, weil ich die Grundidee dahinter sehr faszinierend fand, aber das kann bei jedem Leser anders sein.

    Liebe Grüße von Eurer Bücherdiebin

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  4. Hi,
    jaaa du hast so recht mit London :) es war soooo toll ich will am liebsten gleich wieder hin :D
    In der Straße war ich auch aber da ich mich noch nicht so wirklich an englische Bücher heran traue habe ich keins gekauft aber das fiehl mir ziemlich schwer bei so vielen tollen Angeboten die es dort gab..
    Ein tolles neues Design hast du da sieht echt schick aus.
    Alles liebe Bianca

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