Montag, 20. Juni 2011

[Rezension] Paulo Coelho
- Veronika beschließt zu sterben

"Die Verrücktheit ist die Unfähigkeit, seine Ideen zu vermitteln."

"Am 11. November 1997 entschied Veronika, jetzt sei es - endlich - Zeit, sich das Leben zu nehmen. [...] Sie wollte eine Tablette nach der anderen nehmen, anstatt sie zu zerdrücken und in Wasser aufzulösen, da schließlich zwischen Absicht und Umsetzung einer Absicht himmelweiter Unterschied besteht und sie sich die Freiheit bewahren wollte, es sich auf halbem Weg noch einmal anders überlegen zu können. Doch mit jeder heruntergeschluckten Tablette wurde sie sich ihrer Sache sicherer: Nach fünf Minuten waren alle Schachteln leer."


Der Roman erzählt die Geschichte der 24-jährigen Veronika, der es scheinbar an nichts fehlt und die sich dennoch entschließt, Suizid zu begehen. Der Selbstmordversuch scheitert allerdings und sie wird in die Psychiatrie „Villete“ eingewiesen. Hier sagen die Ärzte ihr, dass sie innerhalb einer Woche an den Spätfolgen der Tablettenüberdosis sterben wird. In den folgenden Tagen macht Veronika die Bekanntschaft verschiedener Patienten, durch deren Erfahrungen sie allmählich sich selbst erkennen lernt und zunehmend wieder Lebenswillen schöpft. Ihr Schicksal des bevorstehenden Todes und die dadurch erweckte Lebensenergie regen auch die anderen Patienten dazu an, über ihr Leben nachzudenken, und wecken in manchen - die es sich in der Psychatrie schon ganz gemütlich eingerichtet hatten - sogar den Wunsch, die Anstalt zu verlassen.

Hellmuth Karasek nennt Paulo Coelhos "Der Alchimist" ein "schwachsinniges Erbauungsbuch" und das gleiche kann man auch von "Veronika beschließt zu sterben" behaupten. Die Moral an der Geschichte scheint zu sein: Versuch dich umzubringen, dann lernst du den Wert des Lebens kennen - und am Ende ist dann auch alles wieder Friede, Freude, Eierkuchen. Coelho reiht ein Klischee ans nächste, seine Figuren haben kaum Tiefe  (sie sind halt ein bisschen wirr im Kopf...) und entwickeln sich nicht weiter. Überhaupt scheint mir Coelho die ganze Situation in der Psychiatrie zu romantisieren... Wer einen Roman mit einem wirklich differenzierten Blick auf das Leben in der Psychiatrie sucht, dem möchte ich doch dringend "Einer flog über das Kuckucksnest" ans Herz legen!

Als ich zufällig gelesen habe, dass Paulo Coelho selbst dreimal in die Psychatrie eingewiesen wurde, war für mich endlich klar, welchen Sinn "Veronika beschließt zu sterben" erfüllen soll: Coelho hat das Buch geschrieben, um sein eigenes Leben zu rechtfertigen, die Psychatrie als einen Ort der liebenswert verrückten Denker darzustellen statt als Anstalt psychisch kranker Menschen. Dies erzählt er uns nicht einmal auf unterschwellige Art, er baut sich selbst gleich mit in das Buch ein und tischt uns seine Lebensweisheiten auf - plakativ und generalisierend. Nebenbei benutzt der Autor sein Werk auch noch als Plattform für seine eigene Meinung zu Gott und dem Universum; dabei beschreibt er nicht nur seine Thesen, sondern stellt sie dem Leser als einzig richtige und vernünftige Tatsachen vor. Eine eigene Meinung des Lesers wird weder gefordert, noch scheint sie überhaupt geduldet zu werden.

"Highlights" im Buch (und damit Gründe, warum ich es überhaupt zu Ende gelesen habe) waren für mich die Geschichten zweier Nebencharaktere - der depressiven Mari und des schizophrenen Eduard. Diese wurden zwar auch in Coelhos typischer Märchenerzählform dargebracht (... und dann geschah dies... und dann geschah das...), aber weisen etwas mehr Tiefe auf sowie ein Verständnis, wie es zu den Erkrankungen ihrer Seele komen konnte und wie die Gesellschaft damit umgeht. Insgesamt konnten sie das Buch aber leider auch nicht retten.

Das war nach "Der Alchimist" endgültig mein letztes Buch des völlig überbewerteten Paulo Coelho. 3 von 10 Bücherdiebinnen!


P.S.: Ich weiß, dass viele Leser die Bücher von Paulo Coelho lieben, "Veronika beschließt zu sterben" hat allein bei amazon im Moment 164 "5 Sterne"-Bewertungen, "Der Alchimist" sogar 252. Deswegen fiel es mir auch nicht leicht, diese Rezension zu schreiben und ich habe mich eine Weile davor gedrückt, doch letztendlich musste ich meinem Ärger über das Buch Luft machen. Vielleicht mag mir jemand erklären, was so besonderes an Paulo Coelho ist, ich habe es bisher leider nicht verstanden... 
Ich möchte mit meiner Rezension auch niemanden angreifen, der Coelhos Bücher gerne liest, aber ich hoffe, ich konnte deutlich machen, was mich an "Veronika beschließt zu sterben" so geärgert hat und warum ich ab jetzt einen großen Bogen um den Autor machen werde. Über eure Meinungen würde ich mich freuen!

Kommentare:

  1. Liebe Bücherdiebin, du bist mit deiner Meinung ganz und gar nicht allein. Auch ich fand das Buch schal, banal und überhaupt völlig unnötig. Kannst du gerne bei mir im Blog nachlesen, wenn du magst. :)

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  2. Hey evi,
    da bin ich ja erleichtert, dass ich nicht die einzige bin, der es mit dem Buch so geht... in deiner Rezi kommt "Veronika beschließt zu sterben" mit 3 von 5 Punkten aber noch relativ gut weg ;-)
    LG, Die Bücherdiebin

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  3. Ja eh, an dem Tag war ich wohl besonders nachsichtig drauf! *lach*
    Rückblickend gesehen finde ich meine 3 Sterne aber eigentlich zu gut bewertet.
    LG, evi

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  4. Haha, das kenn ich. Bin mir auch bei der ein oder anderen Rezension von mir nicht mehr sicher, ob ich die Punkte wieder so vergeben würde :-) LG!

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  5. Ich hätte jetzt Veronika auch keine 5 Sterne gegeben aber bei manchen Sachen muss ich dir einfach widersprechen! Und zwar soll die Quintessenz nicht heißen "versuch dich mal umzubringen, bla bla" sondern einfach nur zeigen, dass das Leben Höhen und Tiefen hat und hätte der Selbstmord von Veronika funktioniert, hätte sie nie wieder die Höhepunkte des Lebens erreicht!

    Und ich bin auch der Meinung dass der Autor genau deshlab schreibst um seine Weltsicht darzustellen, um sich mitzuteilen. Ein Künstler soll nicht nur Bilder malen die uns gefallen, sondern seine Sicht auf die Welt zeigen und ein Autor nicht nur unterhalsame Geschichten erzählen (das tun schon die Jugendbuchautoren zu genüge) sondern auch etwas von sich in ein Buch einbauen...das ist doch sein gutes Recht...

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  6. Hallo dyabollo,
    danke für deine kritische Meinung - auch wenn ich sie ganz und gar nicht teile!

    Für mich ist die Quintessenz des Buches nicht, dass die Leute jetzt reihenweise versuchen sollen, sich umzubringen, damit sie den Wert des Lebens wieder schätzen lernen. Dass Veronika aber mit dieser Einstellung überlebt und angeblich ein besserer Mensch wird, finde ich für einen labilen Leser schon bedenklich - zumal ja alles so wunderbar gut ausgeht und Veronika gar nicht sterben muss! Dieses "Happy End" war für mich absolut nicht nachvollziehbar, passte lediglich zu den anderen Lebensweisheiten, die in dem Buch verpackt sind. Weiterhin kann ich mir nicht vorstellen, dass jemand wie Veronika nach einem Selbstmordversuch so viele Höhepunkte erlebt - das ganze Geschehen in der Psychatrie wirkt für mich doch eher märchenhaft-unrealistisch...

    Ein Autor kann gern seine eigene Meinung in einem Buch wiedergeben. Das macht die Literatur ja gerade aus, dass es viele verschiedene Sichten auf die Welt gibt - da stimme ich dir also voll und ganz zu! (sonst müssten wir hier ja gar nicht diskutieren, wenn alle eine Meinung hätten) Paulo Coelho aber beschreibt nicht nur einfach seine Sicht, er drängt sie uns regelrecht auf in seinem Buch. Dass er selbst noch darin verkommt, er also über sich in der dritten Person schreibt und uns seine "Weisheiten" so aufdrückt, finde ich nicht vertretbar. Für mich macht "Veronika beschließt zu sterben" eher den Eindruck eines Selbsthilfebuches, bei dem der Autor seinem Leser (mit stets erhobenem Zeigefinger) erklärt, wie man richtig leben sollte. Aber gerade in der fiktionalen Literatur möchte ich mir doch meine eigenen Gedanken dazu machen können und nicht alles vom Autor vorgebetet bekommen! Gute, anspruchsvolle Literatur sieht für mich eindeutig anders aus.

    Und: viele Jugendbuchautoren zeigen ihren Lesern einen viel kritischeren Blick auf die Welt, als Paulo Coelho dies tut - und sind zudem oft anspruchsvoller geschrieben als in Coelhos "Märchen-Stil". Dass Jugendbücher nur zur Unterhaltung geschrieben werden, kann ich daher absolut nicht unterschreiben.

    Liebe Grüße von der Bücherdiebin!

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  7. Na ja aber Coelho würde ich nun auch nicht als "anspruchsvoll" bezeichnen da hast du schon recht. Er ist auch nicht mein favorisierter Autor geworden, gerade weil er so märchenhaft und naiv schreibt und wie du schon sagst esoterisch angehaucht. Ich denke über Geschmäcker lässt sich sowieso schlecht streiten denn ich habe schon oft böse Überraschungen erlebt als ich Bücher gekauft habe, die von 100ten von Lesern in den Himmel gelobt wurden... ich wollte eigentlich nur sagen, dass ich "Veronika beschließt zu sterben" echt noch ok fand - für Coelho ;)

    ich denke auch dass Menschen die mal an Selbstmord gedacht haben und die Phase überstanden haben, dieses Buch auch ganz anders lesen werden wie solche, die noch nie etwas damit am Hut hatten..

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  8. Bücher sind wie viele andere Dinge auch, in erster Linie Geschmacksache.
    Was ich allerding nicht verstehe ist: Wie können Coelhos Leser und Fans einem Autor, der nachweislich erfundene Spinnereien als Tatsache hinstellt, so unkritisch gegenüberstehen?
    Jeder kann doch durch ein paar Minuten Recherche im Internet herausfinden, dass sein erfundener Orden R.A.M. nicht existiert!!!!
    Coelho ist weder ein Magier, noch kann er Gegenstände durch die Kraft seiner Gedanken bewegen. Sowas ernsthaft von sich zu behaupten ist einfach nur hochgradig geistig gestört!Kein Wunder, dass er bereits 3x in der geschlossenen Abteilung der Psychiatrie gelandet ist! lach

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  9. An den lieben anonymen Leser: Schön, dass es noch jemandem so geht mit Coelho ;-) Ich kann leider überhaupt nicht verstehen, woher er mit seinen esoterischen Texten diese große Zahl begeisterter Leser bekommen konnte. Danke, dass auch du ihm so kritisch gegenüber stehst!

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  10. Ich fand den Titel ehrlich gesagt sehr interessant und zum Lesen anregend. Schade dass das Buch so eine Enttäuschung ist!
    Ich selber habe es nicht gelesen, werde es aber wahrscheinlich auch nicht. Vielleicht such ich es mal in der nächsten Bücherei und lese rein. Das ist wirklich schade, dass mit diesem schönen Titel (ja, ich muss zugeben, der hat mich wirklich für sich eingenommen) nichts Gutes zustande gekommen ist.
    Ich glaube dir und deiner Einschätzung einfach mal ohne Vorbehalte ;-)

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  11. Oh noch ein anonymer Leser :-) Willkommen!
    Der Titel hatte es mir vor dem Lesen auch sehr angetan, aber er hält leider nur auf den ersten Seiten, was er verspricht. Ich bin mit Coelhos Schreibstil und seiner Pseudo-Esoterik in diesem Buch gar nicht klargekommen. Ich weiß allerdings von vielen Lesern auch, dass sie gerade die esoterischen Inhalte bei Coelho (die man anscheinend in ALLEN seinen Büchern findet) sehr schätzen. Vielleicht ist es am besten, du liest mal rein und bildest dir ein eigenes Urteil. Bibliotheken sind dafür ja immer die besten Anlaufquellen :-)
    Und vielen Dank für dein Vertrauen in meine Rezension!

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