Sonntag, 26. Juni 2011

[Rezension] Lilach Mer - Der siebte Schwan

In jeder Spieluhr schläft ein Geheimnis. Wenn die alte Melodie erklingt, erwachen Schatten und Träume...

"'Nein, mein Liebchen, jetzt werde ich ein wenig reden. Und du wirst mich nicht unterbrechen. Auch nicht, wenn ich von Schwänen spreche. Selbst dann nicht, wenn es mir einfallen sollte, von Wasser-männern und Nixen zu reden, wie unser kluges Mädchen hier. Ich werde reden, und ihr werdet so freundlich sein, mir ein kleines Weilchen dabei zuzuhören.' [...] Die verstaubte Schachtel stand noch immer unter dem Nachtschränkchen; immer noch, nach all den Jahren." 

Wir treffen auf die alte Dame Mina, die uns von ihrer - im wahrsten Sinne des Wortes - magischen Kindheit berichtet: Im Jahre 1913 ist Mina ein ruhiges 14jähriges Mädchen, dessen liebste Beschäftigung es ist, stundenlang allein auf dem Dachboden zu spielen, zu träumen und zur Melodie einer alten Spieluhr zu tanzen. Vom Leid der Welt hat sie noch nicht viel mitbekommen, als sie eines Tages den Arzt der Familie belauscht, der sie aufgrund ihrer zurückgezogenen und verträumten Art in seine Irrenanstalt einweisen will. Kurzentschlossen reißt Mina von zuhause aus; sie folgt einem geheimnisvollen Drehorgelspieler, der sie zu den Tatern bringt, einem Volk, das ähnlich den Zigeunern frei durch die Lande zieht und im Einklang mit der Natur lebt. Auf der Suche nach ihren Brüdern, an die sie sich kaum noch erinnern kann, die sie aber ebenfalls in der Anstalt des Doktor vermutet, muss Mina viele Gefahren meistern - so trifft sie unter anderem auf einen grausamen Schlangenkönig, hilft einem verbitterten Pug, muss mit dem Teufel persönlich tanzen und schließlich das Geheimnis der Schwäne ergründen. Doch der Doktor ist ihr ständig einen Schritt voraus und verfolgt ihren Weg, auf dem Mina langsam erwachsen wird...

Lilach Mer entführt uns in "Der siebte Schwan" in eine fantasievolle Welt, in der Märchen und Sagen auf geschickte Art mit der Realität des frühen 20. Jahrhunderts verknüpft werden. Anschaulich wird uns sowohl die gutbürgerliche Welt präsentiert als auch das Leben der Zigeuner. In dieser normalen Welt existieren aber auch einige magische Elemente, die z.B. durch den sprechenden Kater Tausendschön (der mir übrigens sehr ans Herz gewachsen ist und für einige lustige Szenen sorgt) oder die magische Kraft des Waldes vertreten sind. Die Autorin selbst nennt das Genre ihres Buches "magischen Realismus" und das beschreibt "Den siebten Schwan" vielleicht am besten: Gezeigt wird das tägliche Leben zu Beginn des 20. Jahrhunderts, kurz bevor die Weltkriege über Deutschland hereinbrechen; dieses reale Leben wird aber immer wieder mit den magischen Elementen aus alten nordischen Sagen und Märchen vermischt, die ganz natürlich ebenfalls in Minas Welt auftauchen. Die Geschichte um das Mädchen auf der Suche nach den verschwundenen Brüdern ist dabei traurig, mitreissend, herzergreifend und besticht durch ihre wunderschöne Melancholie. Immer lässt sich das märchenhafte an ihr erkennen (die Geschichte basiert lose auf dem Grimmschen Märchen "Die sieben Schwäne"), mischen sich typische Ansichten von Gut und Böse, zeigen sich mitunter auch brutale und traurige Stellen, wie sie nun einmal in allen Märchen vorkommen. Doch Mina beweist, dass sie mehr ist als nur das schwache kleine Mädchen und durchbricht diese Märchenstruktur, indem sie sich und allen anderen ihren Mut und ihren starken Willen beweist.

Was aus dem Buch besonders positiv herausragt, ist die poetische Sprache. Selten habe ich ein Buch gelesen, dass so sehr mit Worten spielt, eine so dichte Atmosphäre erzeugt und den Leser so glaubhaft in eine vergangene Welt entführt. Als ein besonderes Beispiel für Lilach Mers mitreissenden Schreibstil sei etwa eine Szene erwähnt, in der die kleine Mina mit dem Teufel persönlich tanzt: Die Autorin schafft es hier allein mit ihrer Sprache, ein unheimliches Tempo aufzubauen, das den Leser diesen Tanz förmlich spüren lässt - fast wäre mir selbst schwindelig dabei geworden, so ein Sog wird hier erzeugt.  
In der Sprache liegt aber auch ein kleiner - übrigens mein einziger - Kritikpunkt an dem Buch: Manchmal ist sie so ausschweifend formuliert, dass man sich etwas in ihr verliert, dabei aber nur noch wenig vom Inhalt mitbekommt und sich zwingen muss, wieder "aufzupassen". Mir ist auf diese Weise die Charakterisierung zweier nicht ganz unwichtiger Personen entgangen, weswegen ich sie leider bis zum Ende nicht ganz "greifen" konnte. Da das Buch seinen Leser aber - hat man einmal die feste Erzählstruktur durchblickt - sonst gut an die Hand nimmt, war dies nicht so schlimm und ich wurde jedesmal auch wieder vom Buch eingefangen, wenn ich mal wieder zu sehr über die Sprache ins Staunen geraten bin.

Die Geschichte ist es definitiv wert, mehr als einmal gelesen zu werden. Lilach Mer hat so viele (kleinere und größere) Anspielungen auf nordische Sagen und alte Märchen versteckt, die man bei einem ersten Lesen gar nicht alle entdecken kann. Auch aufgrund seiner Sprache, in die man sicherlich gerne wieder versinken wird, lohnt sich ein zweiter Blick in den "Siebten Schwan". Im Übrigen darf man gespannt sein, was man von der jungen Autorin, die hier ihren Debütroman veröffentlicht hat, noch hören wird - ich bin fest davon überzeugt, dass es nicht ihr letztes (gutes!) Buch war!

Ein wunderbar poetisches Buch mit einer verzaubernden Sprache! 
9 von 10 Bücherdiebinnen!




Hier noch ein paar Tipps von mir, wenn ihr das Buch jetzt auch lesen möchtet:
"Der siebte Schwan" befasst sich mit vielen Sagen und Märchen, die heute bestimmt einigen Lesern nicht mehr bekannt sind - mich eingeschlossen. Daher würde ich jedem Leser empfehlen, sich nebenher ein bisschen über die Hintergründe schlau zu machen:
  • Definitiv kennen sollte man das Märchen "Die sieben Raben" der Gebrüder Grimm, dem Lilach Mer die Grundstruktur ihrer Geschichte entnimmt. Hier kann man es nachlesen...  Keine Angst, ihr spoilert euch nicht damit, sondern bekommt ein besseres Verständnis von Minas Reise.
  • Wer sich darüber hinaus für Zinken, nordische Motive oder die Schauplätze des "Siebten Schwans" interessiert, dem lege ich den Blog von Lilach Mer ans Herz, auf dem sich eine ganze Menge aufschlussreicher Hintergrundinformationen finden lassen.
  • Ich habe das Buch im Rahmen einer Leserunde gelesen und wurde hier direkt mit allen weiterführenden Informationen versorgt. Die Leserunde kann man jederzeit noch auf leserunden.de nachverfolgen, abschnittsweise wurde hier über die einzelnen Kapitel diskutiert und über Hintergründe aufgeklärt - vielleicht hilft es dem ein oder anderen?!

Kommentare:

  1. :-) Das Buch interessiert mich auch, werde es jetzt wohl mal auf meine Wunschliste setzen :-) Vielen Dank
    LG HANNE

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  2. Liebe Hanne, das freut mich, dass meine Rezension dir weiterhelfen konnte! Es ist aber auch ein wirklich schönes Buch... denke, dass du deinen Spaß daran haben wirst! LG von der Bücherdiebin

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  3. Danke für die schöne Rezi, das Buch steht schon eine Weile auf meinem Wunschzettel und wird nun entschieden gekauft :-)
    Die Geschichte von den sieben Schwänen wurde mir bereits durch "Die Tochter der Wälder" von J. Marillier ins Gedächtnis gerufen. Auch ein sehr schönes Buch, das ich nur wärmstens empfehlen kann, falls du es noch nicht kennst.
    Liebe Grüße

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  4. Vielen Dank für die schöne Rezi! Ich spiele auch schon länger mit dem Gedanken, das Buch zu kaufen - Jetzt will ich es :)

    PS: Schau mal hier vorbei:
    http://mupha.blogspot.com/2011/06/award-award-nr-4.html
    Es gibt den Super-Award für dich!

    Liebe Grüße
    Lisa

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  5. Danke für deine Rezi, das Buch wandert nun auf meine Wunschliste :)

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  6. Freut mich, dass ich eure Wunschlisten erweitern konnte - ich kann das Buch auch wirklich nur empfehlen!

    @Friedelchen: "Die Tochter der Wälder" hört sich auch interessant an (hab mir gerade mal die Kurzbeschreibung bei amazon durchgelesen), das behalte ich auf jeden Fall mal im Auge. Danke für den Tipp!

    @Lisa: Dankeschön für den Award - ich schreibe nachher noch einen Post dazu!

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