Mittwoch, 8. Juni 2011

[Buch im Buch]
"Das letzte Buch" von Marie Luise Kaschnitz

Hallo zusammen,
heute geht es los mit meiner Aktion "Buch im Buch"! Hubert ist auch an Bord, also kann ja nichts mehr schiefgehen. In meinem ersten Beitrag möchte ich euch - zum Aufwärmen - eine Kurzgeschichte von Marie Luise Kaschnitz präsentieren. Wenn ihr sagt, Dystopien sind nur der neueste Trend der Jugendliteratur, dann lest mal:


Das letzte Buch

Das Kind kam heute spät aus der Schule heim. Wir waren im Museum, sagte es. Wir haben das letzte Buch gesehen. Unwillkürlich blickte ich auf die lange Wand unseres Wohnzimmers, die früher mehrere Regale voller Bücher verdeckt haben, die aber jetzt leer ist und weiß getüncht, damit das neue plastische Fernsehen darauf erscheinen kann. Ja und, sagte ich erschrocken, was war das für ein Buch? Eben ein Buch, sagte das Kind. Es hatte einen Deckel und einen Rücken und Seiten, die man umblättern kann. Und was war darin gedruckt, fragte ich. Das kann ich doch nicht wissen, sagte das Kind. Wir durften es nicht anfassen. Es liegt unter Glas. Schade, sagte ich. Aber das Kind war schon weggesprungen, um an den Knöpfen des Fernsehapparates zu drehen. Die große weiße Wand fing an sich zu beleben, sie zeigte eine Herde von Elefanten, die im Dschungel eine Furt durchquerten. Der trübe Fluß schmatzte, die eingeborenen Treiber schrien. Das Kind hockte auf dem Teppich und sah die riesigen Tiere mit Entzücken an. Was kann da schon drinstehen, murmelte es, in so einem Buch.

Marie Luise Kaschnitz (1901-1974)

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen