Sonntag, 8. Mai 2011

[Rezension] Sara Gruen - Wasser für die Elefanten

Das schwierigste Kunststück: die Liebe zu finden.

"Ich rede nicht oft über damals. Habe ich noch nie. Ich weiß nicht, warum – fast sieben Jahre lang habe ich beim Zirkus gearbeitet, und wenn das keinen Gesprächsstoff liefert, was dann. Ehrlich gesagt weiß ich, warum. Ich habe mir nie getraut. Ich hatte Angst, es würde mir herausrutschen. Ich wusste, wie wichtig es war, ihr Geheimnis zu hüten, und das tat ich auch – ihr Leben lang und darüber hinaus. Siebzig Jahre lang habe ich keiner Menschenseele davon erzählt."


Sara Gruen entführt uns in ihrem Roman "Wasser für die Elefanten" in die geheimnisvolle Welt eines Wanderzirkus, aber auch in den bedrückenden Alltag eines Altersheims: Jacob Jankowski ist über 90 Jahre alt, wie alt genau, das weiß er schon nicht mehr. Bestens erinnern kann er sich aber an sein Leben von vor etwa 70 Jahren:
Man schreibt das Jahr 1931, die Zeit der großen Weltwirtschaftskrise. Jacob ist gerade 23 Jahre alt, als seine Eltern bei einem Unfall ums Leben kommen. Ohne Geld und Gut steht er da, sein Studium der Tiermedizin an einer Elite-Universität bricht er vor der letzten Prüfung ab und will nur noch vor seinem alten Leben davonlaufen. Als er auf einen fahrenden Zug aufspringt, landet er mitten beim Wanderzirkus "Benzinis Spektakulärste Show der Welt". Schnell erkennt der geldgierige Direktor Jacobs Potential und stellt ihn als Tierarzt an. Als Jacob sich in die schöne Kunstereiterin Marlena verliebt, nimmt das Unglück seinen Lauf: Sie ist verheiratet mit dem tyrannischen und krankhaft eifersüchtigen Dompteur August...

Die Atmosphäre des Buches ist wirklich einmalig. Die ganze Zeit über habe ich mich gefühlt, als wäre ich mitten dabei unter den ganzen Artisten, Arbeitern, Tieren, stünde im Pulk der Schaulustigen und würde mitfahren in den zugigen Eisenbahnwaggons. Dabei wird die Situation im Zirkus keineswegs beschönigt. In jedem Absatz spürt man die Auswirkungen der Weltwirtschaftskrise: Es mangelt nicht nur an Geld, sondern auch an Schlafplätzen, Hygiene und Nahrung - gleichermaßen für Mensch und Tier. Man fühlt geradezu die Beengtheit, unter der die Arbeiter leben müssen, riecht den Dreck der Tiere und wird immer wieder auf die ewigen Geldsorgen aufmerksam gemacht. Mit der schillernden Zirkuswelt, die man von den Artisten oft vorgegaukelt bekommt, hat dieses Buch rein gar nichts zu tun.

Im Gegensatz zu den Beschreibungen der Atmosphäre hat Sara Gruen leider mit den Beschreibungen ihrer Charaktere gespart. Sie bleiben alle etwas blaß und eindimensional: die schöne Kunstreiterin, der cholerische Dompteur, die schlichten Gemüter der Arbeiter und der geldierige Zirkusdirektor. Lediglich der Erzähler Jacob, der sowohl als junger Erwachsener als auch als alter Greis durchweg sympathisch erscheint, ist greifbar. Ein besonderer "Charakter" ist außerdem Rosie, die Elefantendame, auf deren Beschreibung Sara Gruen viel Wert legt. Mein Herz hat sie sofort erobert, ich habe mit ihr mitgelitten und mich mit ihr gefreut, wenn sie gegen Ende des Buches ihren großen Auftritt bekommt.

Die Schilderungen des Zirkusgeschehens machen den größten Teil des Buches aus, doch auch die Situation im Altenheim, in dem der Protagonist seinen Lebensabend verbringt, ist mehr als eine Rahmenhandlung. Eindrucksvoll wird geschildert, wie der inzwischen etwas kauzige Jacob seine Umwelt wahrnimmt und mit den Sorgen des Alters und des Alltags zu kämpfen hat. Noch einmal möchte er den Flair eines Wanderzirkus erleben, doch seine Familie, die ihn nur selten besucht, verwehrt ihm diesen Spaß. Auf sich allein gestellt träumt er sich in längst vergangene Tage. Auch wenn ich mir das nie hätte vorstellen können, in diesen sonderlichen "Opa" konnte ich mich sehr gut hineinfühlen und verstehen, warum er über die Jahre zum Eigenbrötler wurde.

Insgesamt konnte mich auch das Hauptgeschehen in "Wasser für die Elefanten" überzeugen. Die Dreiecksgeschichte zwischen Jacob, Marlena und ihrem Mann August ist spannend aufgebaut, man fiebert mit dem jungen Paar mit, ist aber gleichzeitig besorgt, ob es eine Chance für sie gibt innerhalb der strengen Gesetze der Zirkuswelt. Gleich zu Beginn erhält der Leser eine Vorschau auf einen Mordfall, der erst gegen Ende des Buches näher erläutert wird. Dabei ist die Spannung über die Auflösung gar nicht so wichtig, sondern vielmehr, wie es überhaupt soweit kommen konnte. Das Ende des Liebesdreiecks hätte ich mir dagegen dramatischer vorgestellt, Sara Gruens Ende ist leider etwas unrealistisch und kitschig geraten. Wirklich schaden kann dies der mitreißenden Erzählung aber nicht. Sowieso scheint es der Autorin weniger um die Geschichte an sich zu gehen, als vielmehr, eine Welt Wirklichkeit werden zu lassen, mit der die meisten Leser sonst kaum in Berührung kommen.

Herzergreifende Geschichte mit einer bezaubernden Atmosphäre. 
9 von 10 Bücherdiebinnen!

Kommentare:

  1. Ach wie gut das sich dieses Buch bereits auf meinem Sub befindet :D Na gut, ich habs eben erst mal meiner Mum verliehen zum Lesen...aber theoretisch hab ich es griffbereit. Schöne Rezension!

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  2. Danke für dein liebes Kompliment :-)
    Sag deiner Mum am besten, dass sie das Buch gaaanz schnell lesen soll, du liest du es auch noch fix und dann ab ins Kino mit euch beiden :-)

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  3. :D Genau...! Warst du schon im Film dazu?!


    LG
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  4. japp, jetzt am Wochenende! War sehr schön gemacht, kommt aber leider (wie immer bei Büchern, die man so toll findet) nicht an die Vorlage heran... eine kleine Filmkritik schreib ich noch! LG!

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