Freitag, 27. Mai 2011

[Rezension] Anna Sam
- Die Leiden einer jungen Kassiererin

Die besten Satiren schreibt immer noch das reale Leben

"Mein Name ist Anna. Ich bin 28 Jahre alt, habe meinen Universitätsabschluss in Literaturwissenschaft und eine Erfahrung hinter mir, die sich als ebenso eigenartig wie banal erwies. Ich habe acht Jahre lang in einem der großen Supermärkte gearbeitet, zuerst, um damit mein Studium zu finanzieren, danach, weil ich keine meiner Ausbildung entsprechende Anstellung fand. Und somit bin ich geblieben, was man heute so schön "Servicemitarbeiterin Kasse" nennt."

Anna Sams Buch war mir aus dem Grund so sympathisch, weil es mir recht ähnlich ergangen ist. Auch ich habe Literaturwissenschaften studiert und auch ich habe jahrelang an einer Kasse gearbeitet - zuerst anderthalb Jahre in einem Supermarkt und danach dreieinhalb Jahre an einer Kinokasse (was aber um einiges angenehmer war...). Daher habe ich gerne zu diesem außergewöhnlichen Buch gegriffen.

Die Autorin beschreibt in kurzen kleinen Kapiteln alltägliche Situationen, wie sie in jedem Supermarkt am laufenden Band passieren. Da ist der lautstark telefonierende Kunde, der die Kassiererin keines Blickes würdigt, ebenso die schreienden Kinder in der Warteschlange mit ihren genervten Eltern, aber auch der unsterblich in die Kassiererin verliebte Kunde, der dreimal täglich vorbei kommt, weil er immer wieder etwas "vergessen" hat. Vom täglichen Stress mit der Kassenleiterin, wenn die Einnahmen nicht stimmen, ganz zu schweigen.

Das Buch ist recht kurzweilig geschrieben, an vielen Stellen amüsant, aber auch immer wieder mitleiderregend: man ist auf jeder Seite froh, keine Kassiererin (mehr) zu sein. Wir erfahren aber nicht nur mehr über die Welt einer einfachen Kassiererin, sondern vor allem etwas über die Käufer. Und was soll ich sagen? Die Mentalität der französischen Kunden unterscheidet sich nicht sehr von den deutschen Kunden im Supermarkt! Anna Sams Botschaft ist also eine ganz andere: Sie hält den Menschen den Spiegel vor, zeigt das Verhalten der Leute auf, wenn sie sich in Gegenwart einer vermeintlich schlechter gebildeten Person befinden - dass die Dame, die ihnen da an der Kasse gegenüber sitzt, studiert hat, wissen sie ja nicht. Die Kassiererin wird eher als Maschine betrachtet, der Mensch hinter dem Fließband kaum wahrgenommen. Dies lässt den Leser dieses kleinen Büchleins überlegen: Habe ich mich in einer ähnlichen Situation nicht schon genauso verhalten? Bin ich denn immer so freundlich, wie es angebracht wäre?

Viele Situationen sind aber auch einfach nur sehr witzig geschildert. Besonders amüsiert habe ich mich z.B. über eine Mutter, die in der Warteschlange lautstark zu ihrem Nachwuchs sagt: „Wenn du in der Schule nicht fleißig lernst, dann wirst Du einmal Kassiererin wie diese Frau da.“ - Hier merkt man auch die Ironie, die Anna Sam an den Tag legt, wenn sie über ihren Beruf berichtet. Leider sind manche Gegebenheiten aber auch derart überzogen dargestellt, dass man sich nicht vorstellen kann, dass diese wirklich so stattgefunden haben sollten.

Was mich an dem Buch leider sehr gestört hat, war der Schreibstil der Autorin. Die Sätze sind oft kurz, knapp, manchmal etwas holprig und umgangssprachlich formuliert, da hätte ich von einer studierten Literaturwissenschaftlerin mehr erwartet. Vielleicht sind manche dieser Formulierungen der Übersetzung aus dem Französischen geschuldet (das kann ich leider nicht beurteilen) oder der tägliche Kassen-Jargon hat sich schon zu sehr eingeschlichen. Literarisch gesehen ist aber jedes Kinder- oder Jugendbuch besser formuliert.

Ein nettes Buch für zwischendurch, das zum Schmunzeln, aber auch zum Nachdenken bringt. Literarische Ergüsse findet man hier nicht. 
5 von 10 Bücherdiebinnen!

 

Es gibt auch einen Nachfolgeband, der da heißt "Fragen Sie die Kassiererin. Überlebenstipps für Kunden", der die Supermaktsituation nun aus Käufersicht beleuchtet. Ich denke aber, dass uns Anna Sam mit den "Leiden einer jungen Kassiererin" schon genug aus dieser vertrauten Welt erzählt hat - Kunde bin ich schließlich selbst jede Woche wieder.

Kommentare:

  1. Das Buch war am Anfang wirklich gut, da es aber am Ende ziemlich nachließ hat, es von mir auch nur eine mittelmäßige Bewertung bekommen.

    Die Stelle mit dem Mädchen und ihrer allwissenden Mutter hat mich auch sehr amüsiert! =)

    Auch beim Schreibstil muss ich dir zustimmen. Da habe ich mehr von der studierten Anna Sam erwartet...

    Viele Grüße,
    Libby ;)

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  2. ich habe versucht das buch "fragen sie die kassiererin !" zu lesen - bis zur haelfte des buches habe ich gelesen und dann beiseite gelegt - enttaeuschend ! vielleicht habe ich auch keinen humor

    diana

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    1. Hey Diana, damit bestätigst du ja genau meinen Verdacht, was den Nachfolger zu den "Leiden einer jungen Kassiererin" anbelangt. Ich bin sicher, dass du Humor hast und es nicht an dir liegt - wer braucht schon so ein Supermarkt-Buch? :-)

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