Samstag, 30. April 2011

[Rezension] Pierre Szalowski
- Bei Kälte ändern die Fische ihre Bahnen

Das Schönste daran ist, dass aus einer Katastrophe plötzlich etwas ganz Wundervolles werden kann.

"Der Inhalt seiner Doktorarbeit schwamm dort vor ihm, bei einer gleichbleibenden Wassertemperatur von dreiunddreißig Grad. Das war entscheidend. Sein akademisches Überleben hing davon ab, dass die Temperatur unverändert blieb. Bei Temperaturabfall war es möglich, dass einige Fische ihre Bahnen veränderten und seine ganze Theorie damit ins Wasser fiel."


"Bei Kälte ändern die Fische ihre Bahnen" wird aus der Sicht eines elfjährigen Jungen erzählt, dessen Namen man nie erfährt. Als seine Eltern sich kurz nach Weihnachten trennen, bittet er den Himmel um Hilfe und wünscht sich einen Eissturm herbei. Das Unmögliche tritt ein: Noch in derselben Nacht beginnt es so stark zu schneien, dass bald das ganze Stromnetzwerk Montreals lahmliegt. So verändert sein Wunsch nicht nur das Leben seiner Familie, sondern auch das der gesamten Nachbarschaft: Da ist der junge Doktorand Boris, der um seine Fische fürchtet, die er im Rahmen eines mathematischen Projekts betreut; die Nachtclubtänzerin Julie, die ihren Job an den Nagel hängt, weil sie sich nach der wahren Liebe sehnt; der Vater Alexis, der mit seinem Sohn nicht über die verschollene Mutter sprechen will; und das schwule Pärchen Simon und Michel, die sich in der Öffentlichkeit nicht zueinander bekennen können.

Am Anfang sind die vielen Personen etwas verwirrend. Nach einer Einleitung durch den elfjährigen Erzähler wechselt das Geschehen in kurzen Kapiteln zwischen den verschiedenen Nachbarn hin und her. Nach den ersten zwanzig Seiten musste ich mich vergewissern, dass es sich bei dem Buch auch wirklich um einen Roman statt um eine Sammlung von Kurzgeschichten handelt! Je besser man aber die verschiedenen Nachbarn kennen lernt und je näher diese zusammenrücken, desto besser behält man den Überblick über das Geschehen.

Pierre Szalowski beschreibt alle Personen sehr genau und setzt sich intensiv mit ihrer Gefühlswelt auseinander, so dass man die einzelnen Handlungen gut nachvollziehen kann. Die Charaktere sind alle sehr treffend gezeichnet, die meisten davon etwas schrullig, was sie allesamt in merkwürdige Situationen führt; z.B. konnte ich mich wunderbar über Boris amüsieren, der mit seinen Fischen in der Wohnung der halbnackten Julie landet. Er bemerkt die Flirtversuche der jungen Dame in seinem logischen Denken jedoch gar nicht und rechnet derweil genau aus, wie er die Wassertemperatur seiner Fische konstant halten kann. Eine von vielen sehr komischen, fast absurden Situationen! Das Ende der Geschichte ist dagegen leider etwas kitschig geraten. Zwar fand ich den Ansatz, dass nicht nur Fische bei Kälte ihre Bahnen ändern, sehr poetisch, doch drängte sich mir ein allzu gewolltes "Heile Welt"-Gefühl auf, das nicht ganz realistisch schien und mich von daher auch wenig überzeugen konnte.

Ein besonderer Pluspunkt des Buches ist seine Struktur: Das Buch ist in mehrere Abschnitte unterteilt, die jeweils einen Tag aus dem Leben der kleinen Nachbarschaft darstellen. Jeder Abschnitt beginnt mit dem entsprechenden Wetterbericht, der das folgende Geschehen bestimmen wird. Die Kapitelüberschriften geben jeweils den letzten Satz des Kapitels wieder und machen so schon neugierig darauf, wie es wohl zu diesem meist recht ungewöhnlichen Schluss kommen mag.

Ein interessantes Buch mit leisen Tönen. 6 von 10 Bücherdiebinnen!


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