Mittwoch, 6. April 2011

[Rezension] Philip Pullman - His Dark Materials

Der Goldene Kompass - Das Magische Messer - Das Bernstein-Teleskop

"Es gibt viele Universen und viele einzelne Welten, die parallel zueinander existieren. Welten wie eure, in denen die Seelen der Menschen in ihren Körpern leben und Welten wie meiner, in denen sie uns als Tiergeister begleiten, die wir Dæmonen nennen. So viele Welten. Was sie alle verbindet ist Staub. Staub war schon lange vor den Hexen der Lüfte, den Gyptern des Wassers und den Bären des Eises."


Philip Pullman hat mit "His Dark Materials" eine Trilogie geschaffen, die uns in eine fantastische Welt entführt: Wir lernen die 12jährige Lyra Belacqua kennen, die im fernen Oxford einer anderen Welt lebt (die Seele eines jeden Menschen lebt hier in einem Tier, dem sogenannten Dæmon, das seinen Körper auf Schritt und Tritt begleitet). Lyras sorgloses Leben nimmt ein jähes Ende, als sie erfährt, dass das Magisterium - die Kirche ihrer Welt - Kinder gefangen nimmt, um sie von ihrem Dæmon (und damit allem eigenständigen Denken) zu trennen. Lyra folgt der Spur ihres Freundes Roger, der ebenfalls entführt wurde, und findet bald heraus, dass die Kirche noch einem viel größeren Rätsel auf der Spur ist: "Staub". Dieser befällt die Menschen, sobald sie erwachsen werden und ist angeblich schuld für alles Übel der Welt. Im zweiten Buch lernt Lyra auf ihrer Reise den gleichaltrigen Will kennen, der in unserer Welt lebt. Zusammen wollen sie das Geheimnis um "Staub" ergründen, wozu sie sich auf einen Weg quer durch die Welten aufmachen müssen. Dabei werden sie von vielen - im wahrsten Sinne des Wortes - fantastischen Freunden unterstützt, müssen aber auch gegen übermächtige Feinde, allen voran die Kirche, bestehen. Und ihr größtes Abenteuer, eine Reise ins Reich der Toten, steht ihnen noch bevor...

Die Bücher rund um drei geheimnisvolle Artefakte - den "goldenen Kompass", das "magische Messer" sowie das "Bernstein-Teleskop" - strotzen nur so vor Ideenreichtum ihres Autors. Neben den drei titelgebenden Instrumenten, die jedes für sich eine ganz besondere Rolle in den Büchern innnehaben, gibt es gepanzerte Bären, deren Seele in ihrer Rüstung ruht, elefantenähnliche Wesen, die sich kugelartige harte Früchte an die Füße schnallen, um auf diesen durch die Wüste zu rollen, ein kleines Volk namens Gallivespier, das sich Libellen im Reagenzglas züchtet, um später auf diesen fliegen zu können, und noch so viel mehr... Die tollste "Erfindung" Philip Pullmans sind natürlich die Dæmonen, die den Charakter ihres jeweiligen Menschen meist treffender zeichnen als jede noch so detaillierte Beschreibung. So manifestiert sich z. B die Seele eines treuen Dieners in einem Hund, ängstliche Menschen besitzen eine Maus als Dæmon und die freidenkenden Hexen werden allesamt von Vögeln begleitet. Bloß die Dæmonen der Kinder können beliebig ihre Form wechseln - diese bildet sich erst auf der Schwelle zum Erwachsenwerden heraus.

Die Charaktere sind realistisch und überraschend vielfältig gezeichnet. Die Kinder Will und Lyra haben trotz ihres großen Muts mit vielen Sorgen und Ängsten zu kämpfen, die Wissenschaftlerin Dr. Malone gerät plötzlich in einen inneren Konflikt zwischen ihrer Arbeit und der Religion, und der tragische Held der Geschichte, der Bär Iorek Byrnison, muss erst wieder lernen, seinen Platz in der Gesellschaft zu behaupten. Allen voran faszinierte mich aber Mrs. Coulter, Lyras Mutter: Einen so ambivalenten Charakter gibt es selten in der Literatur! Sie ist eiskalt, berechend und stets auf ihren eigenen Vorteil bedacht, gleichzeitig kann man ihre Handlungen trotz aller Boshaftigkeit doch nachvollziehen. Man ist plötzlich verwundert, als sie sogar so etwas wie Liebe zu empfinden scheint, aber trotzdem spielt sie jederzeit ihr eigenes, undurchsichtiges Spiel.

Warum bekommt diese wundervolle Trilogie nach all diesem Lob keine die Höchstwertung von mir? Meiner Meinung nach verliert sich Philip Pullman zu sehr in seiner Welt und den Theorien darin, so dass mir an einigen Stellen schlicht der Überblick fehlte. Da gibt es Menschen, Dæmonen, Panserbjørne, Hexen, Mulefa, Gallivespier, Klippenalbe, Harpyien, Engel, Geister, Gespenster und noch viel mehr. Alle haben ihre eigenen Motive, ihre eigenen Theorien zum Thema "Staub", leben in ihrer eigenen Welt (manche können auch zwischen den Welten reisen und haben dort jeweils unterschiedliche Namen...); da kam ich manchmal schlicht nicht 'hinterher'. Zum Ende hin entwickelt das Buch sich eher unglaubwürdig. Lyra lässt Gefühle sichtbar werden, die man einer 12-/13-Jährigen niemals zutrauen würde, und einige der Figuren, denen Pullman offensichtlich kein richtiges Ende zugedacht hat, werden einfach 'entsorgt'. Zudem braucht man für die vielen Reisebschreibungen einen längeren Atem.
Eine weitere Frage, die ich mir nach dem Lesen des Buches stellte, war: Für wen hat Philip Pullman diese Bücher geschrieben? Da die Protagonisten ca. zwölf Jahre alt sind, könnte man annehmen, dass die Bücher ebenfalls für Kinder ab 12 geeignet seien. Dem ist jedoch nicht so: Zum Einen sind einige Passagen in den Büchern sehr gewalttätig, ja fast gewaltverherrlichend, zum Anderen dürften Kinder die komplexen Theorien über Staub und Erbsünde noch nicht verstehen. Für Erwachsene scheint das Buch aber auch nicht passend, denn hierfür mangelt es zu vielen Passagen der Bücher leider an Tiefe - da wäre es besser gewesen, bestimmte Hintergründe und Theorien detaillierter zu erklären.

Trotz aller negativen Punkte habe ich mich - mit Abstrichen - gerne in diese fremde(n) Welt(en) entführen lassen. Der Schluss, der all die fantastischen Ereignisse passend in unsere reale Welt eingliedert, entschädigt außerdem für einige schwache Stellen. Trotz der Einschränkungen würde ich jeden ermuntern, die Bücher einmal selbst in die Hand zu nehmen und sich ein eigenes Urteil zu bilden!

Eine schöne Trilogie mit faszinierenden Ideen, denen es etwas an der Umsetzung mangelt. Leider nur 6 von 10 Bücherdiebinnen!


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